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Kritik: Surrealistisch, skurril, spannungsarm

Vieles bleibt Klischee, Sprachwitz könnte subtiler sein

Mit "Suck My Dick" wagte Roehler nun den seltenen Versuch einer sozialkritischen Komödie – und schuf ein ganz witziges Werk für ein wohl jüngeres Publikum. (Kinostart 8. November)

Im Mittelpunkt der Groteske mit dem gewagten Titel steht Bestsellerautor Dr. Jekyll (Edgar Selge), Liebling der Intellektuellen und fast 50 Jahre alt. In Anlehnung an Robert Louis Stevenson beichtet er seinem Psychiater (Wolfgang Joop), dass seine Romanfigur Hyde (Ralf Richter) aus seinem Buch ausgebrochen sei und ihm im wahren Leben alles Wesentliche raube: Haare, Zähne und Geschlechtsteil. Der smarte Arzt diagnostiziert eine ausgewachsene Midlife-Crisis, kann aber nicht helfen.

Der Zuschauer begleitet den verzweifelten Helden daraufhin auf seiner Reise in ungeahnte seelische Abgründe und kompletten sozialen Abstieg, auf der Jekyll unter anderem die bezaubernde Traum-Frau Jeanny (Katja Flint) trifft.

Es ist eine sex- und geldbesessene Gesellschaft, deren narzistische Individuen allzu leicht am Sinn des Daseins zweifeln und die Roehler hier satirisch aufs Korn nimmt. Die schicke Kultur- Szene, die Jekyll sofort fallen lässt, als er ihren körperlichen und finanziellen Normen nicht mehr entsprechen kann, steht für weite Kreise der Bevölkerung. Hauptmethode des Regisseurs ist die Verfremdung des Realen: Bewusste Fehlbelichtungen, unheimliche Schattenwirkungen und farbliche Reduzierung, klaustrophobisch enge Räume und das schräge Dekor der Traumszenen lösen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit auf.

Roehler experimentiert mit Stilmitteln des expressionistischen Kinos, des Film noir und trashiger Streifen der Sixties. Höhepunkte sind seine schwarz-rot gehaltenen apokalyptischen Einblicke in Jekylls Hirn, in dem Hunde bellen und sich Gestalten wie Zynismus, Neid und Gier (Letztere dargestellt von Partie-Girl Ariane Sommer) abrackern.

Großartige Schauspieler, die Roehler zuliebe für wenig Gage mitgewirkt haben, sind weiteres Merkmal dieser in 30 Tagen fertig gestellten Low-Budget-Produktion: Allen voran bringt Hauptdarsteller Edgar Selge ("Das Experiment", 2000) so sensibel wie skurril den durchgeknallten deutschen akademischen Mittelständler auf den Punkt. Natalia Wörner und Eva Mattes, Dieter Laser und Vadim Glowna verhelfen Kleinstrollen zu Glanz. Eher als Gag wirkt dagegen der exzentrische Designer Wolfgang Joop: Sein Spiel bleibt hölzern, doch passt er als Typ zur Figur des abgehobenen Psychiaters Dorian.

Oskar Roehlers filmisches Anliegen ist sinnvoll, sein Ansatz originell, der Einstieg und manche Szene danach bereiten Vergnügen, etwa wenn der kahl gewordene Held versucht, die ihm im Schlaf geraubte und nun frei in seinem Intellektuellen-Salon schwebende Haar-Pracht wieder einzufangen. Doch gelingt es dem Regisseur nicht, sein hohes Niveau durchzuhalten. Der Spannungsbogen wird schlaff, vieles bleibt Klischee, der Sprachwitz könnte subtiler sein. Daher gerät die verheißungsvoll beginnende Sozialsatire um männliche Verlustängste gegen Ende leider immer belangloser.

Ulrike Cordes, dpa

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