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Kritik: Sigourney Weaver als Autistin

Es ist schon eine ganze Weile her, da begeisterte ein autistischer Mann via Kinoleinwand die Zuschauer: «Rainman» mit Dustin Hoffman und Tom Cruise ist das Paradebeispiel eines 80er-Jahre-Films über eine Krankheit, die in der Gesellschaft selten besprochen wird.

Wie bei vielen Tabus, bewegt man sich auch bei Autismus auf dünnem Eis: Die Übergänge zu Mitleid, belustigtem Unverständnis oder exotischem Interesse sind allzu fließend. Regisseur Marc Evans gelingt es jedoch mit «Snow Cake» mit einer rücksichtsvollen Geschichte, unprätentiösen Figuren und ebensolchen Darstellern, diese Gefahren zu umschiffen.

Auf seiner Fahrt durch das verschneite kanadische Ontario nimmt Alex (Alan Rickman), ein introvertierter Engländer, eine Anhalterin auf. Die beiden werden in einen Unfall verwickelt, bei dem die junge Mitfahrerin Vivienne (Emily Hampshire) stirbt. Voller Schuldgefühle sucht Alex Viviennes Mutter Linda (Sigourney Weaver) im Provinznest Wawa auf. Linda erweist sich als selbstständige Frau, die allerdings kaum um ihre Tochter zu trauern scheint oder zumindest nicht in der konventionellen Weise.

Linda, mit beeindruckender Authentizität und gleichzeitiger Zurückhaltung von Sigourney Weaver gespielt, ist Autistin und lebt in einer eigenen Welt, in der sie das Glück hat, sich frei von gesellschaftlichen Erwartungen machen zu können. Allerdings lebt auch sie mit persönlichen Gesetzen, die ihr Leben bestimmen: Sie hat einen klar strukturierten Tagesablauf, Ordnung und Regelmäßigkeit sind elementar für ihr Wohlbefinden. Die Schuhe sind penibel aufgereiht, Müll fasst sie nicht an, ihr neuer Besucher Alex darf nur eine kleine Ecke in der Küche benutzen.

Aber Linda ist nicht nur von Regeln bestimmt, sie hat sich eine bewundernswerte Kindlichkeit erhalten. Am meisten liebt sie «Snow Cake», Schneekuchen. Leidenschaftlich stopft sie ihren Mund voll mit dem weißen, kalten Produkt. So müsse sich wohl ein Orgasmus anfühlen, vermutet Linda mit ihrer sympathischen Ehrlichkeit. So wie in dieser Schlüsselszene, als sie ausgelassen in ihrem Vorgarten liegt, agiert sie in vielen Situationen: authentisch, offen und mit einem klaren und starken Willen. «Sie ist eine der stärksten Charaktere, die ich je gespielt habe», sagte Weaver in einem Interview während der Berlinale 2006, die mit «Snow Cake» eröffnet wurde.

Autorin Angela Pell, die mit dem Film unter der Regie von Marc Evans ihr Drehbuchdebüt gab, hat die Geschichte aus eigener Erfahrung entwickelt: Ihr siebenjähriger Sohn ist ebenfalls Autist, was die Autorin selbst als wundervolle Erfahrung beschreibt, bei der man sich manches Mal allerdings «wie ein Fisch auf dem Trockenen abstrampelt».

Diesen Fisch verkörpert Alan Rickman («Harry Potter», «Das Parfum») mit der richtigen Mischung aus unsicherer Zurückhaltung, interessierter Faszination und genervter Überforderung, die die Eigenschaften seiner neuen Gastgeberin manches Mal für Alex bedeuten. Rickman transportiert als Alex eine Menschlichkeit, die sich nicht zuletzt in der authentischen Unsicherheit ausdrückt, wie mit einem Tabuthema umzugehen ist.

Gelungen ist nicht nur die Besetzung, sondern auch das Tempo des Films, der sich Zeit für die Entwicklung der Geschichte nimmt. Die kanadische Kleinstadt Wawa und der nach und nach schmelzende Schnee, der paradigmatisch für die Beziehung zwischen Linda und Alex steht, bilden außerdem eine beeindruckende Kulisse.

Susanne Schmetkamp, dpa

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