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    Kritik: Schuld und Söhne

    "Der Lehrer" (Alec Baldwin) sucht eine starke Frau. Eine Frau, die einen mitreißt, die überzeugen kann, die es schafft, selbst offensichtliche Fakten in Frage zu stellen. Eine Frau, die elf Menschen dazu bringt, eine Entscheidung fernab jeglicher Logik zu fällen. Eine Frau, der es gelingt, das Urteil über Mafiaboß Louie Boffano (Tony LoBianco) zu manipulieren.

    Von den zwölf Geschworenen, die bei dem Prozeß gegen den Mafioso über Schuld und Unschuld befinden sollen, kommt nur eine Person dafür in Frage: Annie Laird (Demi Moore), eine erfolglose Künstlerin und alleinerziehende Mutter, frustriert und voller Komplexe. Doch "Der Lehrer" arbeitet nicht nur als Berufskiller für die Mafia. Er versteht auch viel von Psychologie, Philosophie und Manipulation und erkennt die Power, die in dieser Frau schlummert. Er hat Annie Laird lange genug beobachtet, um zu wissen, wie sie funktioniert. Wenn es darauf ankommt, wird sie übermenschliche Stärke entwickeln. Und die wird sie brauchen: Gelingt es ihr nicht, die zwölf Geschworenen im Boffano-Prozeß zu einem einhelligen "Nicht schuldig" zu bewegen, droht "Der Lehrer", ihren zwölfjährigen Sohn Oliver (Joseph Gordon-Levitt) zu töten.

    Es ist ein nervenaufreibender Zwei-Personen-Krieg, den der Zuschauer in "Nicht schuldig" miterlebt: das morbide und bizarre Duell zweier Menschen, die in Extremsituationen an ihre Grenzen stoßen - und diese überschreiten. Während Annie als Opfer der makabren Erpressung ihre Stärke entdeckt, neues Selbstvertrauen gewinnt und letztlich beschließt, den Kampf gegen ihre Peiniger aufzunehmen, erlebt "Der Lehrer" das genaue Gegenteil: Er, der bislang immer alle Fäden in der Hand hatte, entdeckt seine weiche, zerbrechliche Seite. Die Überwachung von Annie wird für ihn zum blanken Voyeurismus, das professionelle Interesse zur Obsession. Das Raubtier beginnt sein Opfer zu lieben - und will es dennoch zur Strecke bringen...

    Bereits in George D. Greens Roman "Die Geschworene" sorgt diese Konstellation für enorme Spannung. Drehbuchautor Ted Tally gelang es - wie schon bei seiner letzten Literaturbearbeitung "Das Schweigen der Lämmer" -, die Subtilität und Finesse der Buchvorlage auf die Leinwand zu übertragen. Dieser Thriller ist nicht deshalb packend, weil er dem Zuschauer nonstop Schock- und Suspense-Szenen um die Ohren haut, sondern weil er glaubwürdige Figuren in einer heimtückischen, aber nachvollziehbaren Situation vorführt.

    Die beiden Hauptdarsteller werden in diesem zermürbenden Spiel sowohl zum Höhepunkt als auch zur Schwachstelle des Films: Obwohl Alec Baldwin als hyper-intelligenter Psychopath und Demi Moore als verzweifelte Powerfrau durchaus überzeugen - "Nicht schuldig" ist mit seinen feinen Zwischentönen und der totalen Abwesenheit von Sex und Super-Action nicht die Art von Film, die Baldwin- und Moore-Fans lieben. Kurz nach dem passablen Start blieben in den USA deshalb die Kinosäle leer.

    Copyright: TV TODAY, 1996

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