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Kritik: Pedro Almodovars Neuentdeckung: Liberto Rabal

Pedro Almodovar ist über die Grenzen Spaniens hinaus nicht nur als Filmemacher mit leidenschaftlich-schrillen Werken wie "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" oder "Matador" bekannt geworden: Er gilt auch als Entdecker von Antonio Banderas, der mittlerweile als Latin Lover in Hollywood viel Geld verdient und als Ehemann das Herz von Melanie Griffith erobert hat. In seiner Erotik-Tragödie "Live Flesh – Mit Haut und Haar" stellt Almodovar nun den Newcomer Liberto Rabal als potentiellen Nachfolger für Banderas vor.

In den Geschehnissen einer einzigen Nacht in Madrid zündet Almodovar eine Lunte, die für die fünf Hauptfiguren langfristig tragische Komplikationen entfachen wird. Der junge Victor (Rabal) will sich mit der Zurückweisung durch die schöne Elena (Francesca Neri) nicht abfinden. Er streitet mit ihr, die beiden Polizisten Sancho und David kommen hinzu, es kommt zu einem Handgemenge, ein Schuß fällt. Die Kugel verletzt den Polizisten David, der von da an querschnittsgelähmt ist. Victor – als der angeblich Schuldige - landet für sechs Jahre im Knast. Die drogenabhängige Elena kompensiert ihre Schuldgefühle gegenüber dem versehrten Polizisten, indem sie ihn heiratet, der Sucht entsagt und als Wohltäterin eines Kinderheims aktiv ist.

Doch Victor plant im Gefängnis eine Rache der besonderen Art: Er will der beste Liebhaber der Welt werden, Elena eine unvergeßliche Nacht bereiten und sie dann verstoßen. In die Lehre geht er nach seiner Entlassung bei Clara (Angela Molina), der frustrierten Frau des Polizisten Sancho.

Zwei anziehende Frauen, ein attraktiver Jüngling, zwei verbitterte Ehemänner und ein Beziehungsgeflecht, von dessen fataler Verstrickung die einzelnen Mitglieder des Quintetts erst nach und nach erfahren: Eine Grundkonstellation, die Almodovar anders entwickelt, als man es von ihm gewohnt ist. Eine Eigenheit seiner früheren Werke waren die mit Entschlossenheit agierenden Frauenfiguren. In "Live Flesh" sind die Männer die kraftvollen Charaktere.

Almodovar-Fans werden auch die für ihn typische schrille Waghalsigkeit – die mit "Kika" (1993) ihre vorerst höchste Blüte erreicht hatte – vermissen. Von seinem treuen Publikum wird sich der einstige Rebell die Frage gefallen lassen müssen, ob er müde geworden sei und heute den Preis dafür zahlt, daß er sich neben berühmten spanischen Regisseuren wie Luis Bunuel und Carlos Saura international etabliert hat.

Auch wenn sich Almodovars subversiver Humor nun nur noch in Spuren zeigt und die inspirierende Frische fehlt: "Live Flesh" ist ein solides Werk mit kleinen Portionen ästhetisch ansprechender Erotik und komplexen, sich entwickelnden Figuren. Alle fünf Schauspieler setzen ihre Charaktere ausgezeichnet um – insbesondere Angela Molina ("Dieses obskure Objekt der Begierde") und Rabal, der sich tatsächlich als vielversprechende Neuentdeckung entpuppt.

Silvia Seipel, dpa

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