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Kritik: Parallelen zwischen gestern und heute

Eine einsame Kinderschaukel bewegt sich im Wind. Das Meer rauscht zwischen den weißen Sanddünen ruhig vor sich hin.

Das Bild, von Regisseur Martin Enlen als dramaturgische Klammer für seinen Psychothriller gewählt, macht es deutlich: Es geht um den Verlust der kindlichen Unschuld, um die Erfahrung von Leid und Tod, deren Schmerzen so ewig nachhallen werden wie das Rauschen des Meeres in der Stille der dänischen Ferienhaussiedlung, in der der bekannte Kinderbuchautor Leon (Martin Umbach) mit seiner elfjährigen Tochter Urlaub macht.

So freundlich das helle Holzhaus mit seinen großzügigen Räumen und seinen großen Fenstern auch ausschauen mag, es liegt ein dunkles Geheimnis über dem Urlaubsort. Und als wolle Regisseur Martin Enlen auch hier eine bewußte Antithese setzen, wird dieses dunkle Geheimnis von einer blonden, bildschönen Frau verkörpert. Roula (Anica Dobra) betreibt mit ihrem Vater die Siedlung - scheinbar harmonisch.

Doch so harmlos auch dieser alte Herr (Ernst Jacobi) auszusehen scheint, er ist die Ursache für die urplötzlichen Erinnerungen, die seine Tochter überfallen.

An einen unschuldigen Kindergeburtstag; an den Schuppen, in dem sich Roulas Vater immer zurückzog; an ein unbeschwertes Spiel in den Dünen und schließlich den Moment, in dem der Vater die Zärtlichkeiten gegenüber seiner blonden, hübschen Tochter auf verwerfliche Weise vertieft.

Und jetzt, wo Leon mit seiner hübschen Tochter Urlaub macht, ist plötzlich wieder alles so. Ein Geburtstag, der Schuppen, die Plätze zwischen den Dünen, wo es sich so herrlich spielen läßt, und die lüsternen Blicke des alten Mannes auf Leons offenherzige Tochter. Beinahe schulmäßig führt Martin Enlen, vorübergehend Gastdozent an der Münchner Film- und Fernsehschule, die Parallelen zwischen gestern und heute vor, gekonnt durchschneidet er die Gegenwart mit den Bildern der Vergangenheit, die sich eindrucksvoll wie ein schwerer Ballast auf Roulas Gesicht legt.

Erst der Showdown auf dem Leuchtturm, weit draußen vor dem fatalen Festland und weit weg über den irdischen Problemen, bringt dann Helligkeit in die dunklen Geheimnisse.

Eines der vielen schönen Bilder, die der deutsche Regisseur da in seiner äußerst souveränen Inszenierung einmal mehr an die richtige Stelle setzt. Klar umrissene Symbole, komplexe Figuren, tolle Schauspieler. Wie bei Ernst Jacobi hinter der Harmlosigkeit seines Äußeren die diabolische Neigung, die Gier nach der verbotenen Frucht funkelt, ist sehenswert. Wie in Anica Dobra die Last der Kindheit hochkommt, sie mit verspielteren Körperbewegungen wieder ganz Kind zu werden scheint, um danach richtig erwachsen zu werden, ist grandios.

Und dazwischen Martin Umbach und Tina Hamperl als der Fremde von außen und sein unwissentlicher naiver Köder, der Kinderbuchautor und sein Kind, denen die Frau und Mutter weggestorben ist und die jetzt Erfahrungen jenseits der harmlosen Buchseiten machen.

"Roula – Dunkle Geheimnisse" (Deutschland) 1994: 95 Minuten. Drehbuch und Regie: Martin Enlen. Kamera: Martin Peglau. Musik: Dieter Schleip. Darsteller: Anica Dobra, Martin Umbach, Ernst Jacobi, Tina Hamperl, Birgit Thot Jensen.

Copyright: , 9.5.1996

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