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Kritik: "Nenette und Boni": Eine Geschichte von Tagträumen

Frankfurt/Main – Boni Pavone arbeitet als Pizzabäcker im Hafen von Marseille. Der junge, schlanke Mann scheint seine Umwelt kaum wahrzunehmen, so leblos und undurchdringlich ist sein Blick. Er lebt isoliert in seiner stillen Wohnung, wo er seinem eintönigen Alltag in schwüle Phantasien entflieht. Eines Tages taucht seine 15jährige Schwester Vanessa, genannt Nenette, bei ihm auf. Sie ist schwanger und aus dem Internat ausgerissen. Die französische Regisseurin Claire Denis erzählt von "Nenette Boni" in Bildern, die Realität und Traumwelt kunstvoll verweben und den Hintergrund der Familiengeschichte im Unklaren läßt.

Boni (Gregoire Colin) nimmt seine Schwester (Alice Houri) nur höchst widerwillig auf. Vorwürfe stehen im Raum, eine inzestuöse Beziehung wird angedeutet, die aber vielleicht auch nur in der Phantasie des jungen Mannes existiert. Später, als der Vater vor ihrer verschlossenen Tür kniet und die Tochter bittet, heimzukehren, treibt Boni ihn mit dem Gewehr aus der Wohnung.

Die Kamera wechselt zwischen der Perspektive des Beobachters und der subjektiven Wahrnehmung mit den Augen Bonis hin und her. Der Pizzabäcker ist verliebt in eine Konditoreiverkäuferin. Unter seinem Blick scheint die Welt stillzustehen, wenn er die blonde Frau beobachtet, wie sie sich zum Beispiel mit offenherzigem Ausschnitt über Tortenstücke beugt. Boni lebt seine Zuneigung an einem Klumpen Pizzateig aus. Wie er mit dem Nudelholz darüber hin und her rollt, erst langsam, dann immer schneller, ist eine höchst komische Nummer der ansonsten problembeschwerten Thematik.

Eine reale Beziehung zu der Verkäuferin ist Boni nicht möglich. Nur im Zusammenleben mit seiner Schwester kann er sich öffnen. Er freut sich auf das Baby, das sie erwartet. Nenette aber will mit dem Kind nichts zu tun haben; sie entschließt sich, es zur Adoption freizugeben. Dann aber tut Boni etwas ganz Unerwartetes. Am Ende des Films zeigen Nenette und Boni Erleichterung, aber viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Claire Denis hat als Regieassistentin unter anderen an "Down by Law" von Jim Jarmusch oder "Paris, Texas" von Wim Wenders mitgearbeitet. Ihr erster eigener Kinofilm war 1988 "Chocolat". In Paris geboren (1948) und in verschiedenen afrikanischen Ländern aufgewachsen, hat die Regisseurin einen besonderen Blick für die kulturelle Entwurzelung von Einwanderern, für die Unmenschlichkeit moderner Städte entwickelt. "Nenette Boni", auf dem Filmfestival von Locarno mit dem "Goldenen Leoparden" ausgezeichnet, läuft am nächsten Donnerstag in den deutschen Kinos an.

Inge Treichel, AP

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