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Kritik: "Nacht über Manhattan":

London (dpa) – Den Berufsalltag von New Yorker Polizisten würde der amerikanische Regisseur Sidney Lumet keine zwei Tage lang aushalten. Diese Menschen seien "Adrenalin-Junkies", die größtem körperlichen Streß und einer korrupten Welt ausgesetzt seien. Daß sich auch das Justizsystem daran die Hände schmutzig machen kann, umreißt sein unspektakulärer 40. Spielfilm "Nacht über Manhattan". "Niemand ist ehrlich", sagte Lumet dazu kurz und bündig vor Journalisten in London.

Wie die meisten Filme des 72jährigen Regisseurs, der 1957 mit dem Justizdrama "Die 12 Geschworenen" seine Filmkarriere begann, hat auch "Nacht über Manhattan" einen moralischen Kern. In dem ganz in New York City gedrehten Werk gerät der sensible Oberstaatsanwalt Sean Casey in schwere Gewissenskonflikte, als er erkennt, daß er seine steile Karriere unwissentlich auf Korruption in den eigenen Reihen aufgebaut hat. Zu allem Überfluß scheint sein eigener Vater beteiligt zu sein.

Der als "unbestechlicher Chronist der US-Gegenwart" gelobte Lumet schrieb das Drehbuch nach dem Roman "Tainted Evidence" von Robert Daley. "Es ist mir die liebste Art von Film – ein Melodrama, das Ehrlichkeit und Optimismus gegen politische Berechnung und Zynismus stellt." Die meisten der Gerichtssdramen nennt Lumet "kindisch", weil sie einen guten Helden präsentierten. "Die Wahrheit ist viel komplexer: Mich interessieren die, die eine Wahl treffen müssen", sagt er.

Eine Schießerei mit vielen Polizistenleichen, bei der Harlems gefährlichster Drogendealer entkommt, steht am Anfang des Films. In einer rührenden Szene sitzt der Staatsanwalt Sean Casey – gespielt von Andy Garcia mit vielen Emotionen und Tränen – am Bett seines Vaters und Cops (Ian Holm), der dem Dealer aufgelauert hatte und knapp mit dem Leben davonkam. Der Dealer stellt sich, und im Prozeß gelingt es Casey, die Verhandlungstaktik des Verteidigers (Richard Dreyfuss), nach der bestechliche Polizisten mit am Werk waren, zu bekämpfen.

Die aus dem Leben gegriffene These Lumets, daß es Korruption gibt, wo Drogen im Spiel sind, nimmt den Hauptdarsteller aus. Garcia trägt seine Rolle dementsprechend wie ein unberührtes, naives Schaf vor. Und es wirkt unglaubwürdig, daß Casey erst auf dem Gipfel seiner Karriere böse Machen- und Seilschaften sieht. Garcia selbst ist überzeugt von seinem Part: "Ich bewundere den Kampf von Sean Casey sehr." Die Moral der Geschichte spricht jedoch Caseys früherer Vorgesetzter auf der Leinwand: "Wenn Du saubere Hände haben willst, werde Priester."

Von Elisabeth Weymann, dpa

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