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Kritik: Melodram vor der Kolportage

Der Anwalt Arthur Barret ist beruflich erfolgreich, mit einer bezaubernden Frau verheiratet und hat nur ein Problem: Er ist zeugungsunfähig. Das moderne und aufgeklärte Paar im Boston der 30er Jahre entschließt sich, die Schwierigkeit mittels einer diskret arrangierten Liebesnacht mit einem ehrgeizigen Harvard-Absolventen aus dem Weg zu schaffen. Natürlich verliert dieser sein Herz an die schöne Eleanor, und als auch noch ein attraktiver Pfarrer auftaucht, nimmt das Drama aus Liebe und Eifersucht, Haß und Mord, Schuld und Sühne seinen Lauf.

Die ganz großen Gefühle bringt Regisseurin Lesli Linka Glatter mit ihren zweiten Kinoarbeit "Wunsch und Wirklichkeit" auf die Leinwand. Keine einfache Aufgabe: Beim religiös verbrämten Drehbuch des Bühnenautors Rick Ramage droht an allen Ecken der Abrutsch in die Niederungen der Kolportage. Der Geistliche und die Schöne, schmutzige Geldgeschäfte mit den Faschisten in Deutschland, die Selbstverwirklichung der Frau durch Beruf oder Schwangerschaft und die Suche nach Gott – dies alles in 114 Minuten Film unterzubringen, eröffnet reichlich Möglichkeiten des peinlichen Scheiterns.

Daß "Wunsch und Wirklichkeit" dennoch zu einem mitunter anrührenden Melodram geriet, ist vor allem der durchweg überzeugenden Besetzung zu verdanken. Shakespeare-Liebhaber Kenneth Branagh gibt den Pfarrer Michael McKinnon, der auf der Flucht vor dem Einfluß seines reichen Vaters sein Leben der Kirche widmet. Der bärtige Mime läßt erst gar keine Vergleiche mit "Dornenvogel" Richard Chaimberlain aufkommen. Dem wandlungsfähigen William Hurt gelingt als Arthur Barret die Verkörperung eines Menschen, der glaubt, mit Willen, Perfektion, Geld und Macht sein Leben unter Kontrolle zu haben, am Ende aber vor einem Scherbenhaufen steht.

Nicht zuletzt lebt der Film von Madeleine Stowe, die nach ihrem furiosen Kinodebüt 1987 in "Stakeout – Die Nacht hat viele Augen" in Robert Altmans "Short Cuts" den Durchbruch in die Oberliga Hollywoods schaffte. Sie steht als Eleanor Barret im Zentrum des Films, um sie kreisen die anderen Figuren. Die Regisseurin Glatter vertraut ihren hochkarätigen Hauptdarstellern und erzählt die Geschichte in ruhigen Bildern. Sie nimmt sich die Zeit, das Geschehen in eine Rahmenhandlung einzubetten und steuert recht gekonnt durch die Klippen von Fehlgeburten und Feindschaften.

"Wunsch und Wirklichkeit" ist trotz opulenter Ausstattung, die das reiche Ostküstenmilieu der 30er Jahre vorführt, im Grunde ein Kammerspiel, das von den Beziehungen zwischen fünf oder sechs Figuren lebt. Das Ende des am 21. Mai in Deutschland anlaufenden Films sei natürlich nicht verraten, doch sollten für alle Fälle ein paar Taschentücher zum Kinogepäck gehören – was ganz und gar nicht gegen das Melodrama spricht.

Uwe Gepp, AP

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