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Kritik: Liebeserklärung an eine Stadt

In der Pariser Metro soll man laut einem amerikanischen Reiseführer Blickkontakt vermeiden. Aber der Tourist, gespielt von dem auf Pechvögel abonnierten Steve Buscemi, kann die Augen nicht von einem knutschenden Pärchen lassen. Und da wir uns in einem Kurzfilm der Coen-Brüder befinden, eskaliert die Situation auf skurril-komische Art und Weise.

Das U-Bahn-Desaster ist eher untypisch für diese wunderschöne Liebeserklärung an die Seine-Metropole. «Paris, je t'aime» besteht aus 18 Kurzfilmen von namhaften Regisseuren, ein Kaleidoskop von ganz unterschiedlichen Blicken auf die Stadt und ihre Menschen. Entstanden ist keine bemühte Kompilation, sondern in der Tat eine komplexe Momentaufnahme.

Einige dieser nur fünfminütigen, hochkarätig besetzten Momentaufnahmen sind spannender als mancher abendfüllende Spielfilm. Viele Geschichten machen Lust auf mehr – der Zuschauer stellt sich vor, wie es weitergehen könnte. So muss Kino sein.

Da lernt ein junger Franzose eine hübsche, gleichaltrige Muslimin und deren Großvater kennen, aber es folgt keine Abgrenzung, sondern behutsames Kennenlernen. Oder zwei Jungs treffen sich in einer Druckerei im «Marais»: Der eine schweigt die ganze Zeit, der andere redet. Eine junge Mutter gibt morgens ihr Baby ab, fährt lange mit Bahn und Bus durch die halbe Stadt, um dann in einer noblen Wohnung das Baby einer Fremden zu hüten. Drei Alltagsskizzen, inszeniert von Gurinder Chadha («Kick it like Beckham»), Gus van Sant («Elephant») und Walter Salles («Die Reisen des jungen Che»).

Rendezvous der Stars: Juliette Binoche spielt eine Mutter, die über den Tod ihres Sohnes nicht hinwegkommt und von einem mysteriösen Cowboy (Willem Dafoe) verfolgt wird. Hollywood-Legende Gena Rowlands trifft sich im Bistro von Gérard Depardieu noch einmal mit ihrem Ehemann (Ben Gazzara); der Haudegen Nick Nolte schiebt ganz brav den Kinderwagen, Elijah Wood («Der Herr der Ringe») hat ein nächtliches Interview mit einer Vampirin. Fanny Ardant und Bob Hoskins suchen im Rotlichtbezirk «Pigalle» ihre verlorenen Träume. Auf dem Promi-Friedhof Père Lachaise treffen Emily Mortimer und Rufus Sewell auf den guten Geist von Oscar Wilde.

In Tom Tykwers Kurzfilm, der eine Art «Testballon» für das ganze Projekt war, erlebt der blinde Thomas im Zeitraffer noch einmal seine Beziehung zu einer Schauspielschülerin (Natalie Portman). Die spanische Regisseurin Isabel Coixet hat ihre Episode wie ein großes Drama inszeniert. Ein Mann lernt seine Frau ganz neu lieben, nachdem er erfährt, dass diese unheilbar krank ist.

Zum Schluss lässt der amerikanische Regisseur Alexander Payne («About Schmidt», «Sideways») in der vielleicht schönsten Episode eine nicht mehr ganz junge, amerikanische Touristin allein durch die Stadt laufen. Sie geht durch die Straßen, steigt auf einen Wolkenkratzer, vermisst ihre beiden Hunde, sitzt mit einem Baguette im Park – und lernt ein neues Gefühl kennen: Trauer und Glück zugleich. «Paris liebt mich», denkt diese Frau, «und ich liebe Paris».

Johannes von der Gathen, dpa

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