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Kritik: Journalist will Waisenkind retten

Eine Granate detoniert in Sarajevo: Zerfetzte Körper; blutüberströmtes Straßenpflaster; Menschen, die im Schockzustand umherirren; Verletzte, die in Ermangelung von Krankenwagen in Privatautos abtransportiert werden. Und mittendrin: Journalisten, Kamerateams, die das Grauen in 90 Sekunden langen Beiträgen für die Fernsehnachrichten zusammenfassen – willkommen in Sarajevo.

"Welcome to Sarajevo" haben auch Blauhelmsoldaten während des Kriegs in Bosnien auf eine Hauswand gepinselt, zynischer Willkommensgruß an die Stadt des Todes. Der britische Regisseur Michael Winterbottom hat das Graffito als Titel für seinen Film über den Krieg um die bosnische Hauptstadt genommen.

Der britische Fernsehkorrespondent Michael Henderson (Stephen Dillinger) macht in Sarajevo Karriere. Seit Beginn des Kriegs 1992 berichtet er über die von Serben belagerte und beschossene Stadt, rast mit seinem Kamerateam in gepanzerten Autos und kugelsicheren Westen durch die Stadt, immer auf der Suche nach Bildern, die von den Fernsehnachrichten als Topstory genommen werden. Der Weg führt ihn auch eines Tages in ein Waisenhaus in der Nähe der Frontlinie.

Dort lernt er das Waisenmädchen Emira (Emira Nusevic) kennen und verspricht ihr spontan, sie aus Sarajevo herauszubringen. Henderson legt die Rolle des unbeteiligten Beobachters ab und engagiert sich. Doch das leichtfertig gegebene Versprechen ist nicht so einfach einzulösen, wie er gedacht hat. Neben der Überwindung bürokratischer Hindernisse gilt es vor allem, an den serbischen Tschetniks vorbeizukommen.

"Welcome to Sarajevo" ist sicher kein Film, der die Massen begeistern wird. Dies hat zwei Gründe: Erstens erfreuen sich Kriegsgeschichten aus Bosnien nach jahrelanger täglicher Überfütterung in den Medien nicht allzu großer Beliebtheit. Der zweite Grund ist schwerwiegender: "Welcome to Sarajevo" bleibt leider ein wenig farblos. Winterbottom konnte sich offenbar nicht entscheiden, welchen Film er drehen wollte. Ist das Thema die Grausamkeit des Kriegs, ist es eine spannende Geschichte über die Flucht aus Sarajevo, oder geht es in erster Linie um einen abgebrühten Reporter, der im Angesicht größter Not doch menschliche Züge zeigt?

Der Film hechelt etwas zu sehr durch die Handlung, einzelne Punkte wirken mitunter mechanisch abgehandelt. Auch die Charaktere haben nicht genügend Zeit, ein Eigenleben zu entwickeln. Was man "Welcome to Sarajevo" allerdings nicht vorwerfen kann, ist übertriebenes Pathos. Der Film ist kühl gedreht, auf die Tränendrüse wird nicht gedrückt. Die immer wieder eingestreuten Dokumentarelemente erinnern daran, daß der Film einen sehr realen Hintergrund hat.

Seine großen Momente hat "Welcome to Sarajevo" in den kleinen Szenen: Wenn für die Eingeschlossenen ein einfaches Omelett zur Delikatesse wird, wenn Studenten mit einem Cello-Konzert gegen die Bedrohung durch Scharfschützen protestieren oder wenn die Bewohner der bosnischen Hauptstadt die "Miß Belagertes Sarajevo" wählen.

Christian Liebig , AP

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