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Kritik: Insel zwischen den Welten

Nur die Kleider am Strand sind von ihr geblieben. Fassungslos starrt der Ehemann auf das Meer hinaus. Hinter dem Horizont liegt Afrika, aber das kümmert den Fischer nicht, kennt er doch nur seine kleine Insel. Er wollte seine Frau fortschicken, es sollte nur zu ihrem Besten sein. Aber wie immer ist Grazia ihrem eigenen Weg gefolgt.

"Lampedusa" entführt den Zuschauer auf die gleichnamige italienische Fischerinsel. Hier, am südlichsten Punkt des europäischen Kontinents, scheint das Leben auf den ersten Blick in gewohnten Bahnen zu verlaufen. Unter der unbarmherzig brennenden Sonne fristen die Menschen auf dem kargen Eiland ein bescheidenes Dasein, die harte Arbeit auf den Fischerbooten und in der Konservenfabrik beherrscht den Alltag. Aber ab und zu zerreißt der Schleier der Normalität und gibt den Blick frei auf eine Welt, in der uralte Mythen und Bräuche noch lebendig sind.

Filmgeschichte entspringt einer Legende

Grazia (Valeria Golino) ist nicht ganz richtig im Kopf. Das behaupten jedenfalls die Dorfbewohner. Zu unbeständig erscheint ihnen das Verhalten der sinnlichen, jungen Frau, die in einem Augenblick singt und tanzt, um dann urplötzlich in tiefe Depressionen zu verfallen. Auch dem 13-jährigen Pasquale (Francesco Casisa) ist das unkonventionelle Verhalten seiner Mutter manchmal etwas peinlich, trotzdem würde er einfach alles für sie tun.

Außerhalb der Familie stößt Grazias Verhalten jedoch zunehmend auf Ablehnung. Schweren Herzens lässt sich Pietro (Vincenzo Amato) deshalb überreden, seine Frau zur Behandlung ins ferne Mailand zu schicken. Aber wieder einmal hat er Grazias Freiheitsliebe und ihren starken Willen unterschätzt. Sie läuft davon und zurück bleiben nur ihre Kleider am Strand.

Berauschende Bilder ohne viele Worte

Die Filmgeschichte entspringt einer Legende, die die Bewohner der Insel Lampedusa Regisseur Emanuele Crialese erzählten. Der ließ sich davon zu einem Drehbuch inspirieren, dass er zunächst ohne Dialoge schrieb. Sein Film sollte ohne intellektuellen Ballast auskommen, sich vielmehr eine unmittelbare physische Wirkung und den Tonfall eines Märchens erhalten. Dies alles ist Crialese wunderbar gelungen. Statt viele Worte zu machen, verlässt er sich lieber auf berauschende Bilder, die zwischen hartem Realismus und märchenhafter Entrückung wechseln, und auf das bravouröse Spiel von Valeria Golino. Sie macht Grazia zu einer Wandlerin zwischen den Welten, ohne sie ihrer bodenständigen Menschlichkeit zu berauben.

Publikumspreis in Cannes

Gesundheit und Krankheit, Realität und Magie, Europa und Afrika - zwischen diesen Welten schlägt "Lampedusa" eine Brücke, verwischt allzu harte Grenzen. Dafür gab es im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes den Publikumspreis.

Nina Jerzy, ddp

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