Kritik: Ein stiller Softie: Clint Eastwoods und die Farmersfrau

Wer Robert James Wallers Bestseller „Die Brücken am Fluß“ gelesen hat, der hätte wohl Mühe gehabt, sich Clint Eastwood in der männlichen Hauptrolle vorzustellen. Zu viele Gefühle, zu viele Tränen sind mit der tragischen Liebesgeschichte verbunden. Vielleicht gerade deshalb stand Eastwood vor und hinter der Kamera. Denn so ist der Überraschungseffekt am größten. Den alten Westernhaudegen mit dem Gesicht aus Stein als sensiblen Fotografen beim Möhrenschälen zu beobachten, der seinen Emotionen freien Lauf läßt und weint, weil ihn die Frau, die ihn liebt, voller Verzweiflung zum Teufel wünscht, gehört zu den bewegendsten Momenten in diesem unaufdringlichen Beziehungsdrama. Es ist Clint Eastwoods endgültiger Abschied von Dirty Harry, aus dem Macho von einst ist ein stiller Softie geworden, ohne dabei lächerlich zu wirken. Der Film erzählt eine einfache Geschichte, angesiedelt im Jahre 1965: Francesca (Meryl Streep) hat als Farmersfrau und Mutter längst alle Illusionen von einem aufregenden Leben begraben, der Alltagstrott hat ihre Träume zunichte gemacht. Bis sich der Fotoreporter Robert Kincaid in die öde Gegend irgendwo im amerikanischen Mittelwesten verirrt. Francesca zeigt dem Fremden den Weg zu den hölzernen Brücken von Madison County, die er für ein Magazin ablichten soll. Sie ist angetan und verwirrt zugleich von der Ausstrahlung des einsilbigen, ehemaligen Kriegsberichterstatters, der jedem ihrer Worte mit so viel Verständnis lauscht. Kincaid geht es nicht anders. Er fühlt sich zu Francesca hingezogen, spürt ihren nur schwer zu zügelnden Hunger nach Liebe und Geborgenheit. Eastwood findet für seine Romanverfilmung eine wunderbar altmodische Sprache, er kleidet sie in stimmungsvolle, melancholische und manchmal auch pathetische Bilder. Ein märchenhaft inszeniertes und exzellent gespieltes Melodram.

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