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Kritik: Die Geschichte vom kleinen Jungen "Kolya"

Köln (dpa) – Es ist eine Geschichte, wie sie rührender nicht sein könnte: Eine junge Russin reist 1988 über die damalige Tschechoslowakei nach Westdeutschland aus, um ihren Geliebten zu treffen, und läßt ihren fünfjährigen Sohn Kolya in Prag bei einer Verwandten zurück. Als diese einen Herzanfall erleidet, wird der Junge bei einem Musiker einquartiert, der bisher immer einen weiten Bogen um Kinder und Familie gemacht hat. Trotz Sprachschwierigkeiten und anfänglicher Berührungsängste gewinnt der kleine Russe schließlich das Herz des Mannes.

Dem 32jährigen tschechischen Regisseur Jan Sverak ist in seinem melancholischen Film "Kolya" – der dieses Jahr bereits einen "Oscar" und einen "Golden Globe" bekommen hat – etwas Außergewöhnliches gelungen. Ohne jeden Anflug von Kitsch erzählt er die gefühlvolle Geschichte von Kolya und Frantisek Louka, dem unangepaßten Cellisten. Gespielt wird der kauzige Musiker von Zdenek Sverak, dem Vater des Regisseur, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

Die Musikerkarriere von Kolyas Ersatzvater Louka hat einen Knick bekommen, nachdem er wegen angeblich subversiven Verhaltens aus der Staatlichen Philharmonie entlassen wurde. Um sich finanziell über Wasser zu halten, spielt er nun auf Beerdigungen und restauriert Grabsteine. Eines Tages macht ihm ein Bekannter, dem er Geld schuldet, einen Vorschlag. Er soll eine junge Russin heiraten, damit diese in der Tschechoslowakei bleiben kann. Widerwillig sagt Louka zu. Er hat ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Und tatsächlich, die junge Frau flieht plötzlich nach Deutschland. Die Polizei rückt ihm wegen der Schein-Ehe zu Leibe.

Gleichzeitig muß er sich auch noch um den fünfjährigen Kolya (Andrej Chalimon) kümmern, der nach der Trennung von seiner Mutter völlig verstört ist, und außerdem nur russisch spricht. Anfangs ist der Junge dem 55jährigen nur lästig. Vor allem stört er seine amourösen Abenteuer mit verheirateten Frauen. Als Kolya eines Tages schwer erkrankt und das Jugendamt ihn auch noch nach Rußland zurückschicken will, wird Louka jedoch plötzlich klar, wie sehr er an dem Jungen hängt. Seinetwegen verläßt er Prag und versteckt sich für eine Weile auf dem Land. Doch dann endet die Ära des Sozialismus, und eines Tages meldet sich Kolyas Mutter, um ihren Sohn abzuholen. Der Abschied fällt dem alternden Musiker noch schwerer als seinem kleinen Freund.

In einer Hollywood-Verfilmung des Stoffes hätten Louka und die junge Russin vermutlich heiraten müssen, um ein klassisches Happy-End zu garantieren. Doch Regisseur Sverak, der seinem Film durch Musik von Antonin Dvorak und Friedrich Smetana einen kräftigen Schuß Melancholie zugesetzt hat, verzichtet auf derartige Rührseligkeiten.

Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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