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Hamburg

Kritik: Der normale Wahnsinn des Wahlkampfs

Wahlkampf 2002: Unverdrossen kämpft Henryk Wichmann gegen die schlechte Stimmung im Nordosten Brandenburgs, gegen die Umfragewerte und gegen den Wind. Wichmann ist Bundestagskandidat der CDU.

Nach seinem eindringlichen Spielfilm "Halbe Treppe" hat Regisseur Andreas Dresen den jungen Wahlkämpfer in der ostdeutschen Provinz begleitet. "Herr Wichmann von der CDU" wurde ein äußerst amüsanter, aber auch ein wenig melancholischer Dokumentarfilm. Bei der Berlinale eroberte die Geschichte die Herzen des Publikums, jetzt kommt sie in die Kinos.

Regisseur weidet sich nicht an den Schwierigkeiten

Als CDU-Kandidat im Nordosten Brandenburgs hat der 25-Jährige Wichmann nicht nur kaum eine Chance. Ständig trifft er auch auf völlig verzagte Bürger, und wie zum Hohn fegt der Ostwind Broschüren und CDU-Sonnenschirme durcheinander. Der etwas schlaksige Jura- Student spricht Frauen mit Einkaufstüten, Männer mit Bierdosen, Jugendliche, Alte an. Die meisten wollen nichts wissen von Wichmann, der CDU und Visionen für ihre eigene Zukunft. Gegenkandidat Markus Meckel von der SPD grinst Wichmann von überlebensgroßen Plakaten entgegen. Die Freundin des jungen Kandidaten hält zu ihm. Aber es ist ein harter Sommer im Wahlkreis 057 Uckermark – Barnim I.

Der aus Gera stammende Regisseur Dresen nimmt sich zurück, weidet sich nicht an den Schwierigkeiten, mit denen Wichmann zu kämpfen hat. Er habe sich dem jungen Wahlkämpfer "menschlich angenähert", sagt der 39-Jährige. 15 Drehtage lang haben Dresen, ein Kamera- und ein Tonmann den Jungpolitiker begleitet. Die Sympathie, die sie dabei für Wichmann entwickelt haben, merkt man dem Film an. Es ist die Zuneigung für einen scheinbar naiven jungen Mann, der sich seinen Optimismus in desillusionierender Lage nicht nehmen lässt.

Hoffen mit dem Kandidaten

Die Dokumentaristen machen sich nicht über ihr Objekt lustig. Die Komik des Films rührt aus der Gesamtsituation. Nicht nur der junge Kandidat, alle sind gefangen in den Verhältnissen, im Stillstand der brandenburgischen Provinz. Dass Wichmann allein kraft seines guten Willens die Sonne über der Uckermark aufgehen lassen will, gibt ihm eine tragische Note. Am Ende aller Mühen wird er das Wahlergebnis für die CDU vor Ort um einen mageren Prozentpunkt verbessert haben.

Sympathie erhält im Laufe des Films Kratzer

Als Zuschauer hat man zuvor mit Wichmann zu hoffen begonnen. Die Sympathie bekommt aber Kratzer, je länger sich der Kandidat mit dem Wahlvolk herumschlägt. Je nach Standpunkt des Gegenübers schwenkt auch der Jung-Politiker in die eine oder andere Richtung aus – und macht dabei nicht selten populistische Zugeständnisse etwa an Anti- Ausländer-Parolen. Es ist dem Kandidaten zu danken, dass er den ganz normalen Wahnsinn seines Wahlkampfs porträtieren ließ.

Basil Wegener, dpa

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