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Kritik: Das Innenleben eines Präsidenten

Als Billy Wilder von dem Projekt erfuhr, schüttelte er den Kopf. "Warum bloß Nixon?" fragte er Oliver Stone. "Den kann doch wirklich niemand leiden." Berechtigte Skepsis. Wer will einen Politiker im Kino sehen, der schon im Fernsehen kaum zu ertragen war? Wer mag sich schon mit einem Lügner identifizieren, der aus dem Weißen Haus gejagt wurde? Die Amerikaner jedenfalls nicht: Trotz Titelstories und Medienrummels ist das dreistündige Epos an den Kinokassen gefloppt.

Wir allerdings mußten nicht unter diesem Präsidenten leiden, uns hat er keine Schande gemacht. Deshalb können wir den Film als faszinierende Charakterstudie würdigen. Stones Nixon ist ein frommer Mann, der aber nicht die Wahrheit sagen kann; ein harter Kämpfer, der an Selbstmitleid erstickt; ein kalter Taktiker, der von allen geliebt werden will. Widersprüche, die ins Monumentale wachsen – bis sie am Ende eine ganze Nation lähmen. Stone hat eine moderne Tragödie gesucht, die es mit denen Shakespeares aufnehmen kann, und dabei hat er Nixon gefunden.

Wir sehen ihn als strebsamen Jungen, der von seiner streng religiösen Mutter getadelt wird, und als verlassenen Despoten auf dem Höhepunkt des Watergate-Skandals. Wir sehen ihn im spontanen Gespräch mit jungen Hippies, die Frieden in Vietnam fordern, und vor dem Porträt John F. Kennedys, wo er einen denkwürdigen Satz spricht: "Wenn die Menschen dich anschauen, sehen sie, was sie sein wollen. Wenn sie mich anschauen, sehen sie, was sie sind." Das könnten Szenen aus einem Psychodrama sein, doch das meiste ist wahr. Historiker bescheinigen Stone, daß er sich diesmal an die Fakten gehalten hat. Nur die Andeutung, daß Nixon mit dem Tod von JFK zu tun hatte, läßt sich beim besten Willen nicht beweisen.

Die typischen Stone-Übertreibungen gibt's zwar noch, aber doch sehr reduziert. "Ich habe meinen Stil verfeinert, damit die Botschaft des Films besser ankommt", sagt der Regisseur. Das hilft besonders den Schauspielern: Anthony Hopkins läßt uns tief in die Präsidentenseele blicken. Obwohl er Nixon so gar nicht ähnelt, glauben wir nach kurzer Zeit, den Mann wirklich vor uns zu haben. Hopkins' Meisterschaft nähert sich der Magie. Schon deshalb muß man den Film gesehen haben.

Copyright: TV TODAY, 1996

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