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    Kritik: Chen Kaiges Film "Verführerischer Mond" – Eine chinesische Tragödie

    Frankfurt/M (AP) Das Shanghai der 20er Jahre muß gewesen sein, was das der 90er Jahre wieder ist: eine Damals wie heute eine Riesenstadt im gesellschaftlichen Umbruch von erbarmungsloser Vitalität, war und ist Chinas Tor zur Welt zugleich Schauplatz menschlicher Tragödien. Eine von diesen erzählt Chen Kaiges Film "Verführerischer Mond".

    Der am 29. Mai in die deutschen Kinos kommende Wettbewerbsbeitrag von Cannes 1996 stammt von dem neben Zhang Yimou bedeutendsten chinesischen Regisseur und präsentiert in der Hauptrolle mit Gong Li das inzwischen bekannteste Gesicht aus Fernost. Die 31jährige Schönheit spielt in dem Film die attraktive Ruyi, eine Tochter aus vornehmen Hause, die zwischen zwei Männern steht. Der eine heißt Zhongliang, gespielt von dem in Honkong sehr populären Schauspieler und Sänger Leslie Cheung. Der andere ist Duanwu, den der Taiwanese Kevin Lin verkörpert.

    "Verführerischer Mond" erzählt vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der 20er Jahre die Geschichte des Verfalls der Familie Pang. Hinter den Mauern des Palastes, in dem die Pangs standesgemäß unweit der großen Stadt Shanghai residieren, zerstört das Laster des Opiumrauchens die Zukunft der reichen Sippe. Schließlich ruht die ganze Last aus Tradition und Besitz auf der schönen Ruyi. Diese kann allerdings die Leitung des Hauses nicht übernehmen, weil sie "nur" eine Frau ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, am Ende gibt es keine Gewinner.

    "Was das Herz verbirgt, offenbart der Mond", so lautet das Sprichwort, dem der Film auch seinen Titel entlehnt. Chen Kaige zeigt in seiner sehr düsteren menschlichen Tragödie zugleich auch den Zusammenprall zwischen dem traditionellen und dem modernen China. Das dürfte für chinesische Zuschauer sowohl einen aktuellen Bezug wie auch nostalgischen Reiz besitzen. Westlichen Betrachtern bleibt das Geschehen in "Verführerischer Mond" fremder als in anderen bekannten chinesischen Filmen wie zum Beispiel Kaiges Cannes-Sieger "Lebewohl meine Konkubine".

    Das dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, daß der Regisseur ursprünglich eine Geschichte über weibliche Sexualität erzählen wollte, wahrscheinlich ein erotisches Kammerspiel mit gesellschaftspolitischem Hintergrund. Mit der wunderbaren Gong Li in der Hauptrolle hätte das ein filmisches Ereignis der Extraklasse werden können. Doch Kaige ließ sich von der taiwanesischen Erfolgsproduzentin Hsu Feng zu einem teuren Ausstattungsfilm verleiten, in dem die sexuellen Leidenschaften der Heldin behauptet, aber nicht gezeigt werden. Trotzdem lohnt dieser Kinobesuch jenseits von Hollywood allemal.

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