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Kritik: Carlos Saura zeigt:

Muß ein Musical über die Geschichte des Tangos auch die Zeit der argentinischen Militärdiktatur einbeziehen? Geldgeber und Unterweltboß Angelo Larroca (Juan Luis Galiardo) meint nein. Schließlich gehe es um Unterhaltung, nicht um Politik.

Regisseur Mario Suarez (Miguel Agel Sola), der sich gerade von seiner Geliebten getrennt hat, meint ja. Doch läßt sich Larroca das gefallen, wenn auch noch seine schöne junge Geliebte Elena Flores (Mia Maestro) ins Bett des Theatermanns wechselt, nachdem sie in dessen Musical eine Hauptrolle spielen darf?

"Tango", das neue Meisterwerk von Carlo Saura, spielt – wie so oft bei ihm – auf zwei Ebenen, die sich immer wieder überlappen: Die des "echten" Lebens, des eigentlichen Films, und die des Films im Film (hier des Musicals im Film). Es geht um die Abhängigkeit des Künstlers und um die Geschichte des Tangos. Und wenn's um Tango, den argentinischen Nationaltanz, geht, geht's natürlich auch um die Liebe, die Liebe auf der Bühne und die Liebe im wirklichen Leben: Keine Liebe, die sich in ungehemmter Fröhlichkeit entlädt, sondern heißblütige Leidenschaft, die von engen Konventionen gebremst wird, Liebe, die unter der Oberfläche brodelt, bis sie sich in einem gewaltsamen Ausbruch entlädt, Liebe, bei der die Partner ein genaues Regelwerk – schon als Kind gelernt – einhalten müssen, soll es nicht zur Katastrophe kommen. Wie die Füße der Tanzenden, immer wieder in Großaufnahme zu sehen: Sie streicheln sich, umschmeicheln einander, sie bekämpfen sich, sie suchen gegenseitige Nähe, die sie letztlich nicht finden dürfen – denn dann wäre der Tanz zu Ende.

Das Ende, die Erfüllung, wieder nur angedeutet, bleibt letztlich der Phantasie überlassen – der Tänzer und der des Zuschauers. Genau wie das Ende des Films: Hat Larroca nun tatsächlich einen Killer beauftragt, der die untreue Geliebte während der Generalprobe töten soll, oder war alles nur ein dramaturgischer Gag? Die heißen, schwermütigen Melodien von Lalo Schifrin (Pianist bei Dizzy Gillespie und Tango-König Piazzola) und etlicher Tango-Klassiker führen den Zuschauer durch den Film, sie reißen ihn mit, nicht zum ausgelassenen Mitschnipsen, aber die Füße wippen im Takt, und die Spannung steigt.

Und weil Kino das Medium für die Augen ist, engagierte Saura den Kameramann Vittorio Storaro, der mit Licht und Schatten spielt und dabei Bilder herbeizaubert, die in ihrer Intimität von Rembrandt stammen könnten oder an die Düsternis Goyas erinnern. In knapp sechs Wochen wurde der Film gedreht – für 6,7 Millionen Dollar. So teuer war noch kein argentinischer Film. Ab 29. Oktober ist er in den deutschen Kinos zu sehen.

Jürgen Schön, AP

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