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Kritik: Bittersüßer Film über Freundschaft und Liebe

"Jottwehdeh" liegt das Städtchen, in dem drei junge Leute ihre ersten Schritte ins Erwachsenendasein unternehmen. "Vergiss Amerika", Vanessa Jopps am 9. November anlaufendes Kinodebüt, spielt in der Nähe der polnischen Grenze, in Aschleben, und der Ort sieht genauso aus. Folglich träumen David, Anna und Benno vom Weggehen.

Der nächstgelegene Fluchtpunkt ist Berlin, doch das eigentliche Sehnsuchtsziel ist Amerika. Und doch ist jenes fiktive "Aschleben" augenscheinlich eine, wenngleich zerfallende, Idylle: Stets scheint die Sonne bei den Treffen der Freunde.

Der Film spielt in der Gegenwart und erzählt doch eine zeitlose Geschichte, bei der die allzu beschaulichen Dörfer und die verschlafene Atmosphäre ostdeutscher Randgebiete mit den widersprüchlichen Gefühlen der Hauptdarsteller zu einer Einheit verschmelzen. Denn zwischen den beiden Polen Hierbleiben und Fortgehen pendeln die drei, deren Freundschaft und Vertrauen zueinander einziger Fixpunkt ihres Lebens ist. Geschildert wird alles aus der Sicht des introvertierten David. Als er mit Benno, seinem Freund aus frühesten Kindertagen, Anna kennen lernt, macht prompt der hübsche, forsche Benno das Rennen bei dem selbstbewussten Mädchen. Anna will Schauspielerin werden, Benno baut ein Geschäft mit amerikanischen Oldtimern auf. Und David will eigentlich Fotograf werden – doch zuallererst liebt er Anna, heimlich.

Alles lässt sich gut an: Benno bekommt russische Kunden, die stets bar bezahlen. Anna beginnt ein Schauspielstudium in Berlin und besucht die beiden, so oft es geht. David beobachtet stumm ihre Beziehung, doch mehr noch bekümmern ihn familiäre Probleme: Der Vater ist behinderter Frührentner, und die Drogerie seiner Mutter rentiert sich nicht mehr, seit ein riesiger Supermarkt aufgemacht hat. Sein kleiner Bruder wird ein "Nazi an der Tanke". Und was bei Benno und Anna mit so viel Schwung begonnen hat, zerbröselt zusehends an der Realität: Doch das wollen sie sich lange nicht eingestehen.

"Vergiss Amerika" ist der Abschlussfilm von Vanessa Jopp an der Münchner Filmhochschule und erregte auf dem Münchner Filmfest so viel Wohlwollen, dass sie einen Verleih fand. Gedreht wurde meist in Bernburg an der Saale. Vanessa Jopp stammt nicht aus Ostdeutschland. Umso geschickter erweckt sie ein Ost-Flair, das aber niemals penetrant wird: Es ist ein vorurteilsloser Blick auf stille Winkel und nostalgisch anmutende Kopfsteinpflaster, der wie nebenbei antippt, welche Verwüstungen die "Wende" im Leben vieler Menschen angerichtet hat. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber durch genaues Hinsehen – was für deutsche Filme eher ungewöhnlich ist - entdeckt sie skurrile Details, wirft sie Streiflichter auf seltsame Schicksale.

Dieser Film interessiert sich aufrichtig für Menschen. Die Beziehung zwischen Anna, Benno und David ist einfühlsam inszeniert und zu Herzen gehend. Und wenn David hinter der Supermarktheke steht und Fisch ausnimmt, statt Fotos zu entwickeln, ist das zugleich traurig und komisch, wie im wahren Leben. Mag die Tristesse des Ortes auch lähmend sein, das Leben ungerecht, so bleibt doch noch die gegenseitige Zuneigung, die neuen Mut macht. "Vergiss Amerika" ist ein Anti-Heimatfilm und ein bittersüßes Plädoyer für die Freundschaft.

Birgit Roschy, AP

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