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Hamburg

Kritik: Außenseiter-Saga von schwerer Schönheit

dpa

Joseph Vilsmaier ist ein Enthusiast und Querkopf. Ein Regisseur, der nach eigenem Bekenntnis seine oft ungewöhnlichen Projekte "mit eiserner Hand" durchzieht, aber auch Teamgeist und Begeisterung wecken kann. Gefühl und Härte brauchte er auch für seinen Film nach dem Erfolgsroman "Schlafes Bruder": Gefühl für die sensible Umsetzung der Außenseitersaga aus den Alpen, Härte für die 15 Millionen Mark teuren Dreharbeiten in einem unwirtlichen Hochtal im Vorarlberg – und für den freundschaftlichen Kampf mit dem Schriftsteller Robert Schneider. Dem hat Vilsmaier ein Drehbuch abgerungen, das den Roman deutlich abgespeckt in Bilder und Dialoge mit wuchtigem Pathos und karger, schwerer Schönheit umsetzt.

Es ist die Geschichte des Johannes Elias Alder, Sohn ärmster Bergbauern und musikalisches Genie. Seine strahlende Begabung macht ihn im schlammigen Dorf zum argwöhnisch beobachteten Sonderling. Elias liebt Elsbeth, die Schwester seines einzigen Freundes Peter. Elsbeth liebt ihn auch, doch heiratet einen anderen, normaleren Mann. Und Elias beschließt nach seinem ersten und einzigen musikalischen Triumph, sich umzubringen. "Wer liebt, schläft nicht", meint dieser verzweifelte Fanatiker. Mit der Choralzeile "Komm, o Tod, du Schlafes Bruder" im Ohr stirbt er durch Schlafentzug.

Eine schwierige und sentimentale Geschichte über den Konflikt zwischen drängendem Genie und starker Liebe, die Vilsmaier trotz einiger kitschiger Ausrutscher bodennah in den Griff bekommt. Die gigantische Bergwelt scheint die Menschen in dem von "Oscar"-Preisträger Rolf Zehetbauer gestalteten Gebirgsdorf schier zu erdrücken. Große Gefühle haben hier keinen Raum. Das Leben in so einer Gegend sei "grausam", erzählt der Regisseur, dem mit "Herbstmilch" 1988 ein Qualitätssprung beim Heimatfilm gelang. "Wenn die Sonne am Nachmittag weggeht und das Tal in Dunkelheit verfällt, das erfordert von den Menschen eine ungeheure Kraft."

Dennoch habe die Abgeschiedenheit in dieser Landschaft - "unberührt von technischem Zeug" – zum Verständnis des seltsamen Helden Elias in seiner Welt aus Klang beigetragen. "Da konnte man sich in eine reine Hörwelt versetzen", schildert Vilsmaier. "Da hörte man die Geister spuken." Später im Studio habe er mit den Komponisten Norbert Schneider und Hubert von Goisern noch "wahnsinnig viel ausprobiert", um den richtigen Sound zu treffen.

Den richtigen Ton finden auch die Schauspieler in "Schlafes Bruder" – allen voran die beiden höchst unterschiedlichen Jungstars Andre Eisermann und Ben Becker. Während Eisermann, ein Spezialist für extreme Darstellungen, mit Haut und Haar in der Rolle des feinnervigen Elias aufgeht, liefert Becker als sein zwielichtiger Freund Peter eine zurückhaltende Glanzleistung: Er verkörpert ohne übertriebene Gesten einen Mann, der zerrissen ist zwischen seiner ausweglosen homoerotischen Sehnsucht zu Elias und dem wortkargen, gewalttätigen Anspruch der Dorfgemeinschaft.

Vilsmaier will sich mit seinem nächsten Projekt wieder in leichtere Gefilde begeben: Ihn beschäftigen jetzt die "Comedian Harmonists". Für ihn sind die deutschen Sänger, deren Musik von den Nazis verboten wurde, "die Beatles der 30er Jahre". Über den Film dazu verrät er soviel: "Eine Komödie, Musik und Tragödie."

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