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    Kritik: Aki Kaurismäkis moderner Stummfilm

    "Es ist ein Dreiecksdrama. Die Geschichte ist tragisch." Kein einziges Wort braucht der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki, um die Tragödie vom Bauern Juha, seiner hübschen Frau Marja und dem skrupellosen Verführer Shemeikka auf die Leinwand zu bringen.

    Kaurismäki ist Finne, und die lieben die Schweigsamkeit. Auch frühere Filme Kaurismäkis waren nicht gerade wortreich; der ab 25. März in den deutschen Kinos anlaufende "Juha" aber ist nun völlig stumm. Was allerdings nur hinsichtlich der Dialoge stimmt, denn die Filmmusik gibt den ohnehin ausdrucksstarken Bildern eine Kraft, die den großen Stummfilmen einst eigen war.

    Die Geschichte des Films basiert auf einer Novelle des schon 1921 verstorbenen finnischen Autors Juhani Ano. Erzählt wird auch mit Zwischentiteln von dem glücklichen Bauernpaar Juha und Marja, das fernab der Städte ein bescheidenes Leben fristet. Der hinkende Juha, ein harmloser Mann mit Hang zum Alkoholgenuß, ist stolz auf seine jüngere, offenbar völlig anspruchslose Frau Marja. Doch eines Tages zerstört ein Fremder in einem schnittigen Sportwagen die eheliche Idylle: Der alternde Eroberer Shemeikka landet mit einem Autoschaden auf dem Hof, und Juha erklärt sich bereit, den Defekt zu reparieren. Doch sein Gast macht sich sogleich an die verwirrte, sich der Versuchung noch entziehenden Marja heran.

    Aber die bis dahin zufriedene Frau ist nun voller Unruhe. Als Shemeikka zurückkehrt, folgt sie ihm in die Großstadt. Es wird eine Reise in viele Enttäuschungen, denn der Verführer läßt schnell die Maske fallen. Der verzweifelte Juha faßt indessen einen Beschluß, die Tragödie nimmt ihren Lauf. Der 42jährige Kaurismäki hat seine Entscheidung, dieses einfach strukturierte Melodram ohne Dialoge zu drehen, lakonisch begründet: "Heutzutage reden die Menschen unentwegt (und ohne Grund) - da schadet etwas Stille nicht."

    So ganz still geht es allerdings nun auch wieder nicht zu. Denn unentwegt erklingt in den 78 Minuten Filmdauer die vielschichtige, mit melodischen Leitmotiven arbeitende Musik von Anssi Tikanmäki. Gespielt wird sie von dem zehnköpfigen Filmorchester Tikanmäkis, der dabei selbst das Keyboard bedient. Die Titelrolle wird von dem schwerblütigen Sakari Kuosmanen, ein Musiker, der schon oft bei Kaurismäki zu sehen war, verkörpert. Der international agierende Andre Wilms spielt den Verführer Shemeikka, und natürlich ist Kaurismäkis unverzichbare Muse Kati Outinen als Marja zu sehen. Mit ihrem naiven Leidensgesicht wandelt sie durch den Film und bildet seinen Schwerpunkt.

    "Juha" ist sicherlich ein Experiment, vielleicht auch ein stummer Aufschrei gegen den Dialogschrott in vielen Filmen. Kaurismäki ist klug genug zu wissen, daß er die Zeit nicht zurückdrehen kann. Aber der Finne trauert um die verlorene Unschuld der Kinematographie, als vor 70 Jahren die laufenden Bilder Worte bekamen. Es ist gut, wieder einmal zu sehen, welche Faszination das Zusammenspiel von Leinwand und Musik zu entwickeln vermag. Oder wie es Kaurismäki ausdrückt: "So laßt uns heute das Wesen des Films erfahren"

    Wolfgang Hübner, AP

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