Archivierter Artikel vom 24.08.2010, 15:18 Uhr

Krank im Krankenhaus: Schleichende Gefahr durch Keime

Berlin (dpa). Hunderttausende Patienten werden Jahr für Jahr in deutschen Krankenhäusern krank – durch mangelnde Hygiene oder unbedachten Umgang mit Medikamenten, die Keime resistent werden lassen.

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Operationssaal
Experten schätzen, dass in deutschen Kliniken jährlich 500 000 bis zu einer Million Menschen an sogenannten Krankenhausinfektionen erkranken. (Bild: Schierenbeck/dpa/tmn)

Der Tod der Mainzer Säuglinge, für den vermutlich verkeimte Infusionen verantwortlich sind, wirft ein tragisches Licht auf ein Problem, das es in vielen deutschen Kliniken gibt: 500 000 bis zu einer Million Menschen erkranken dort jährlich an sogenannten Krankenhausinfektionen, schätzen Experten der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Bis zu 15 000 sterben nach Angaben der Berliner Universitätsklinik Charité sogar an den Folgen dieser Infektion. Häufig, aber längst nicht immer, sind Arzneimittel-resistente Erreger die Ursache. Bis zu ein Drittel der Krankenhausinfektionen wäre vermeidbar, meinen Hygiene-Fachleute.

Vor allem auf Intensivstationen ist das Problem mit den sogenannten nosokomialen Infektionen, die durch medizinische Maßnahmen auftreten, immens: «Rund vier Prozent aller stationären Patienten leiden an einer solchen Infektion. Auf Intensivstationen sind es sogar bis zu 15 Prozent», sagt Krankenhaushygieniker Prof. Markus Dettenkofer von der Universität Freiburg.

In den meisten Fällen werden die Krankheitserreger von den Patienten selbst mitgebracht. Siedelten sie ursprünglich im Hals oder im Darm, so können die Keime durch eine Operation, einen Beatmungsschlauch oder eine Kanüle auch in die Wunde oder die Lunge gelangen – und den OP-geschwächten Körper durch eine Blutvergiftung (Sepsis) oder Lungenentzündung zusätzlich krank machen. In anderen Fällen springen diese Problemerreger auch auf unbelastete Patienten über.

Zwei Dinge sollten nach Ansicht von Prof. Petra Gastmeier vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité nicht verwechselt werden: «Multiresistente Erreger, die eine spezielle Antibiotikabehandlung erfordern, machen nur zehn Prozent der Krankenhausinfektionen aus, andere Keime jedoch 90 Prozent.» Deshalb ist eine bessere Hygiene das A und O im Kampf gegen die Krankmacher im Krankenhaus.

Etwa 80 bis 90 Prozent dieser Infektionen werden über die Hände übertragen, erläutert Frauke Mattner, Expertin für Krankenhaushygiene in der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie. Das gilt nicht nur für Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine weltweite Kampagne für die Händehygiene im Krankenhaus aufgelegt. Dabei zeigte sich, dass das Klinikpersonal nur in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle ausreichend die Hände desinfiziere. Auch in Deutschland werde im Schnitt nur in rund der Hälfte der nötigen Fälle ausreichend auf die Händedesinfektion geachtet.

ECDC-Studie im pdf-Format (engl.)

Allianz-Studie im pdf-Format

Ansteckung im Krankenhaus – internationaler Vergleich

Berlin (dpa) – Keime in der Klinik sind eine Gefahr. Nach Angaben des Allianz-Berichtes «Krank im Krankenhaus» von 2007 infiziert sich jeder zehnte Krankenhauspatient in Europa. In Deutschland sind es den Angaben zufolge jährlich zwischen 500 000 und einer Million Menschen.

Im internationalen Vergleich schneidet die Bundesrepublik nach einer Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gut ab. Allerdings stützt sich die EU-Einrichtung dabei auf Daten aus verschiedenen Ländern, die in unterschiedlichen Jahren und nach unterschiedlicher Methodik erhoben wurden.

Nach der ECDC-Studie hat Deutschland im Vergleich mit anderen Industriestaaten die geringste Ansteckungsquote. Demnach infizieren sich 3,5 Prozent der Patienten in deutschen Krankenhäusern mit Keimen. Danach folgen Litauen (3,7) Lettland (3,9) und Slowenien (4,6). Die meisten Infektionen im Krankenhaus gibt es in Kanada (10,5), Schottland (9,5), Schweden (9,5) und Griechenland (9,3). Der Durchschnittswert der 21 untersuchten Länder und Landesteile beträgt 7,1 Prozent.

Für den 2008 veröffentlichten Bericht wurden Daten aus den Jahren 1996 bis 2007 verwendet. Zu den ältesten Daten gehören die aus Deutschland (1997), zu den jüngsten die aus Litauen (2007) und Schottland (2007).