Archivierter Artikel vom 29.07.2011, 19:52 Uhr
Mainz

KOPIE_ID_283313/Wespen werden nur im Notfall vergiftet

Bienen, Wespen, Hornissen, Hummeln: Winfried Kaltenbach mag sie alle. Deshalb wirbt er bei den Mainzern um Verständnis für die Tiere – und plädiert für ein tolerantes Miteinander.

Das Wespennest im eigenen Haus: Am besten ruft man die Feuerwehr an.
Das Wespennest im eigenen Haus: Am besten ruft man die Feuerwehr an.
Foto: Felizia Schug

Mainz – Manchmal aber greift der Insektenfachmann der Mainzer Berufsfeuerwehr, Winfried Kaltenbach, zur Giftspritze, nämlich dann, wenn die ungewollten Untermieter Kindern oder Erwachsenen gefährlich werden können.

Wer in Garten oder Garage, Rollladenkasten oder Dachstuhl Summen und Brummen bemerkt oder sogar ein Nest entdeckt, kann in Mainz die Berufsfeuerwehr anrufen; andernorts muss direkt ein Schädlingsbekämpfer beauftragt werden. „Das ist schon seit vielen Jahren so“, sagt Kaltenbach. Eigentlich sei ja das Umweltamt der Stadt zuständig, aber wie ein Versuch vor etlichen Jahren zeigte, gibt es dort zu wenig Personal. „Bei uns in der Leitstelle sitzen immer mehrere Mitarbeiter am Telefon, im Umweltamt hätte man extra dafür einen abordnen müssen.“ 250 bis 300 Insekten-Einsätze (die meisten davon wegen Wespen) bewältigen die Mitarbeiter der Mainzer Berufsfeuerwehr pro Jahr; mit dem „Klaf“, dem Kleinalarmfahrzeug, das auch bei Ölspuren oder wenn mal eine Tür aufgebrochen werden muss, eingesetzt wird.

Nicht gezählt werden die vielen Beratungen am Telefon. Besorgte Bürger, die sich an die Feuerwehr wenden, erhalten zunächst die Information, dass Wespen, Bienen und ähnliche Tiere unter Naturschutz stehen und deshalb nicht einfach so getötet werden dürfen. Einige Arten sind sogar vom Aussterben bedroht und genießen deshalb besonderen Schutz.

Ist der Anrufer sehr besorgt, schauen sich die Experten die Lage vor Ort an, stellen fest, um welche Art es sich handelt und wägen die Gefährdungslage ab. „Manche können Wespen von Bienen nicht unterscheiden, dabei kann man sich heute gut im Internet informieren.“ Je nach Tierart wird gehandelt – möglichst immer im Sinn der Tiere. „Manche Anrufer haben die Vorstellung, wir kommen und spritzen alles tot – aber so läuft das nicht“, betont der Insektenfachmann.

Das Beste sei es, wenn die Tiere am gewählten Standort bleiben können – eventuell mit Sicherungsmaßnahmen. „Manchmal ist es mit Fliegengittern getan, aber wir haben auch schon künstliche Einflugschneisen gebaut, um den Flugverkehr etwas weiter weg zu verlegen“, erzählt Kaltenbach.

Handelt es sich um Bienen, wird ein Imker zu Hilfe gerufen, der sich unter Umständen über neue Mitbewohner in seinen Stöcken freut.

Ist ein Wespen- oder Hornissen- Nest gut zugänglich, versuchen die Experten – natürlich ausgerüstet mit Schutzanzügen, Imkerhelm, Handschuhen und Stiefeln – es zu verlagern. Dafür wird es mit Heißkleber in einem Holzkasten befestigt und an einem Ort aufgehängt, der mindestens fünf Kilometer vom alten Standort entfernt liegt. Sonst fliegen die Tiere immer wieder vergeblich zum alten Standort – und die Brut im Nest am neuen Ort verhungert. „Wir haben in Mainz feste Orte, wo wir die Tiere hinbringen“, erklärt Kaltenbach. „Sie sind mit der Stadt und den Förstern abgesprochen.“

Kostenlos ist der Einsatz der Feuerwehr nicht, wenn auch meistens wohl günstiger, als wenn der Schädlingsbekämpfer kommt. „Wir nehmen eine Pauschale so um die 70 Euro plus Materialkosten“, sagt Kaltenbach, dessen Sympathie für die Insekten schon früh angelegt wurde. Sein Vater war Imker. So sieht er nicht nur die Bienen, sondern auch die Wespen als Nützlinge: „Gerade sie sind wichtige Schädlingsvertilger.“ Und sie haben jetzt im Juli und August ihre Hoch-Zeit. Die Königin legt Hunderte von Eiern täglich, die daraus schlüpfenden Wespen versorgen wiederum die neue Brut – so können Wespenstaaten mit mehreren Tausend Wespen entstehen. Im September dann sterben die emsigen Tiere ab. Nur die Königin sucht sich einen Platz zum Überwintern.

Hornissen leben in kleineren Völkern bis 500 Tieren, dafür dauert ihr Lebenszyklus bis Oktober. Apropos Hornissen: Deren Stich ist nicht gefährlicher als ein Bienenstich. Dass drei Hornissen ein Pferd töten können, sei eine Mär, die sich schon ewig halte, betont Kaltenbach. „Ein Hornissenstich tut unter Umständen mehr weh, weil der Stachel größer ist und tiefer eindringt.“

Noch harmloser schätzt der Experte die Erdhummeln ein, die an ihrem weißen Ring um den Hinterleib erkannt werden können. Sie stechen selten.

Nur wenn gewichtige Gründe vorliegen, wird endlich Gift eingesetzt – etwa wenn Hausbewohner unter einer Insektengiftallergie leiden. Verwendet wird ein sogenanntes Kurzzeitinsektizid, das nach ein oder zwei Tagen abgebaut ist. „Langzeitinsektizide dürfen wir nicht einfach so anwenden. Dafür muss dann ein Schädlingsbekämpfer her.“

Irmela Heß