Archivierter Artikel vom 23.08.2010, 10:18 Uhr
Stuttgart

Klimaanlagen am Arbeitsplatz: Wenn Büroluft krank macht

Für manche Fluch, für andere Segen: Klimaanlagen in Büros liefen in diesem Sommer auf Hochtouren. Doch Mediziner warnen: Durch die Kühlgeräte führt das «Sick-Building-Syndrom» immer häufiger zu Krankheiten.

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Kopfschmerzen
Sind Klimaanlagen im Büro zu kalt eingestellt, kann das zu Kopfschmerzen und Erkältungen führen. (Bild: dpa)

Drückende Hitze draußen, angenehme Frische drinnen: In der brütenden Sommerhitze 2010 sind die Klimaanlagen in Büros auf Hochtouren gelaufen. Das brachte zwar kühle Temperaturen, aber bisweilen schlechtes Klima im Büro. «Manche Angestellte sitzen im Hochsommer im Pulli am Arbeitsplatz und ärgern sich darüber», sagt der Chef der Sektion Krankenhaushygiene an der Uniklinik Freiburg, Markus Dettenkofer. Und das nicht zu Unrecht: Denn teilweise seien die Anlagen zu kalt eingestellt. Der Hitzeschock bei mehr als zehn Grad Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen könnte dann zur Erkältung oder zu neurologischen Beschwerden führen.

Seit zehn Jahren litten immer häufiger Büroangestellte an dem sogenannten «Sick-Building-Syndrom» (deutsch: Krankes-Gebäude-Syndrom), wobei das Krankheitsrisiko durch ungünstig gebaute oder ausgestattete Gebäude steige, sagt der Mediziner. Ein Grund dafür seien Klimaanlagen. Das Risiko von Erkältungen oder Atemwegserkrankungen wie Asthma steigt durch schlecht gewartete Klimaanlagen, die Krankheitserreger in die Luft pusten.

Auch Anlagen mit regelmäßig gewechselten Filtern verstärkten das Krankheitsrisiko in Büros, sagt Dettenkofer. Für einen gesunden Organismus sei der häufige Wechsel von der Hitze draußen ins kalte Büro drinnen zwar «keine Katastrophe». Wer aber gesundheitlich schon angeschlagen sei, bei dem könnte der Ausbruch von Erkältungen beschleunigt werden. Letztlich komme es aber auf die individuelle Empfindlichkeit der einzelnen Büroangestellten an. Die ideale Raumtemperatur liege bei 20 bis 24 Grad, von 18 Grad Bürotemperatur wie häufig in Amerika der Fall rät er dringend ab. «Draußen ist dann Backofen und drinnen Kühlschrank, das geht nicht.»

Beim Thema Zugluft durch die Kühlgeräte ist der Medizinprofessor gelassen. Zwar löse mögliche Zugluft einen Kältereiz bei empfindlichen Menschen aus. Häufig sei Angst mit von der Partie. «Durch Angst wird die Immunabwehr schwächer und das Erkältungsrisiko steigt.»

Der HNO-Arzt Jörg Waldmüller hat in seiner Praxis in Stuttgart in diesem Jahr deutlich mehr Patienten behandelt, die wegen Klimaanlagen erkrankt waren. Weil die Kühlgeräte der Luft die Feuchtigkeit entziehen, trockneten die Schleimhäute der Menschen aus. Dann sei der Nasen- und Rachenbereich anfälliger für Krankheitserreger, sagt Waldmüller. Abhilfe schafften Feuchtigkeitsprays für die Nase, die zum Beispiel bei Piloten Usus seien, sagt er. Viele Büroangestellte dächten hingegen noch nicht daran, die Sprays zu nehmen.

Auch die Techniker Krankenkasse (TK) sieht das Thema Klimaanlagen kritisch. Die Filter müssten einmal im Jahr ausgetauscht werden. Damit soll der Entstehung von Keimen und Schimmelpilzen vorgebeugt werden. Außerdem sollte das Gerät auch im Sommer nicht durchgehend in Betrieb sein. «Wer kann, sollte nach wie vor morgens oder abends richtig lüften», sagt ein Sprecher der TK Baden-Württemberg.

Bei Umweltschützern führt der gestiegene Klimaanlagen-Absatz zu Sorgenfalten. Denn jede Anlage verschärfe mit ihrem massiven Stromverbrauch den Klimawandel, sagt der Umweltexperte der Organisation BUND, Jürgen Merks. «Bei der Arbeit ist das wie ein Doping-Effekt. Bei den ungewöhnlich kalten Temperaturen merken viele gar nicht, dass sie sich im Hochsommer überanstrengen.»