Archivierter Artikel vom 07.07.2010, 17:44 Uhr
Reims

Kein Cavendish-Geschenk für Zabel – Petacchi siegt

Mark Cavendish ist nicht mehr der Alte. Am 40. Geburtstag seines Lehrmeisters Erik Zabel stand der Supersprinter des Vorjahres mit leeren Händen da. Stattdessen gab es im Ziel in Reims den Champagner für den Tagessieger Alessandro Petacchi.

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Jubelpose
Alessandro Petacchi jubelt über den Sieg auf der 4. Etappe.

Mark Cavendish kochte vor Wut. Er schleuderte sein Rad zu Boden, warf den Helm aus dem Teambus und musste sich dann auch noch harsche Kritik der Columbia-Bosse gefallen lassen: Der Supersprinter von der Isle of Man ist entzaubert worden. Der sechsmalige Etappensieger des Vorjahres rollte in der Champagner-Stadt Reims saft- und kraftlos ins Ziel und musste hilflos mitansehen, wie sich Altstar Alessandro Petacchi mit seinem zweiten Tagessieg vorerst zum neuen Sprintkönig der 97. Tour de France aufschwang. «Mit der Form und den Beinen des Vorjahres hätte Mark heute sicher gewonnen. Jeder kann sehen, dass er ein bisschen schlechter als 2009 ist», sagte Zabel.

Kornfeld
Bei der Tour de France durchqueren die Fahrer immer wieder tolle Landschaften.

Ausgerechnet sein früherer Co-Kapitän im Milram-Team, der 36- jährige Italiener Petacchi, verdarb ihm den runden Geburtstag. «Wir werden dennoch anstoßen», meinte Zabel, der bei der Tour 2002 in Reims das Gelbe Trikot erobert hatte. Dem Columbia-Berater und Sportdirektor Rolf Aldag ist nicht entgangen, dass ihr Musterschüler Cavendish nicht mehr der Alte ist. «Wir sind nicht mehr die Favoriten im Sprint», gab Aldag nach der 4. Etappe über 153,5 Kilometer zu.

Angefeuert
Kostümierte Fans feuern die Fahrer an

Dabei hatte der T-Mobile-Nachfolger für die Tour ganz auf die Karte Cavendish gesetzt. Zugunsten des Briten hatte das Team sogar auf den mit nun 13 Siegen erfolgreichsten Sprinter des Jahres, André Greipel, verzichtet. «Wir können nicht wie im Fußball auswechseln», sagte Aldag in Anspielung auf den in Österreich fahrenden Greipel.

Armstrong
Lance Armstrong (r) führt sein Team in die 4. Etappe.

Nach den vorangegangenen Horror-Tagen mit Stürzen wie am Fließband trat eine gewisse Entspannung im Feld ein. Im Gesamtklassement änderte sich erwartungsgemäß nichts: Zeitfahr- Olympiasieger Fabian Cancellara aus der Schweiz führt weiter mit 23 Sekunden vor dem Träger des Weißen Trikots, dem Briten Geraint Thomas, und 39 Sekunden vor Weltmeister Cadel Evans.

Gelb
Fabian Cancellara darf auch nach der 3. Etappe das Gelbe Trikot überziehen.

Besonders niederschmetternd für die Cavendish-Fans: 100 Meter vor dem Ziel nahm der chancenlose Brite die Beine hoch und rollte ohne Ambitionen weiter. Der große Puncher des Vorjahres warf vorzeitig das Handtuch und musste Petacchi sowie die Nächstplatzierten Julian Dean aus Neuseeland und Edvald Boasson Hagen aus Norwegen ziehen lassen.

Podium
Alessandro Petacchi (M) jubelt auf dem Podium über seinen Sieg.

Petacchi indes präsentiert sich nach sechsjähriger Tour-Abstinenz stark wie in alten Tagen. «Ich habe mich heute gut gefühlt», sagte der Routinier aus Italien. Durch den Etappensieg am Sonntag in Brüssel habe er viel Selbstvertrauen getankt, meinte Petacchi, der gleichzeitig die Teamleistung hervorhob: «Unser Zug hat einfach gut funktioniert.» Einer seiner Lampre-«Anfahrer» ist auch der Wahl- Schweizer Danilo Hondo, der aus langem Doping-Abseits in die erste Reihe des Radsports zurückfand.

Tony Martin, der am Vortag auf den Kopfsteinpflaster-Passagen in Nordfrankreich nach einem Sturz als Spitzenreiter der Nachwuchswertung abgelöst wurde, überstand die 4. Etappe ohne weiteren Zeitverlust. «Er hat Hautabschürfungen am Hintern erlitten. Der Schaden hält sich in Grenzen – es hätte schlimmer kommen können», sagte sein Teamchef Aldag, der von dem 25-jährigen Eschborner mit Beginn der Alpen-Etappen am Samstag wieder mehr erwartet.

Dann will auch Rekordsieger Lance Armstrong seinen unerwarteten Zeitverlust aus der Kopfsteinpflaster-Etappe nach Arenberg ausradieren. In Reims fuhr er – unweit der weltberühmten Kathedrale – Kopf an Kopf mit den anderen Topfahrern im Feld über die Ziellinie. Danach wurde der Amerikaner, als er Fragen wartender Journalisten beantworte, von einem aufgebrachten Fan als «Betrüger» und «Doper» beschimpft. Armstrong, der darauf nicht reagierte, sieht sich seit Jahren Doping-Vorwürfen ausgesetzt, bestreitet aber bis heute jedweden Sportbetrug.