Archivierter Artikel vom 15.05.2012, 14:54 Uhr
Mainz

Kälteschutzfolien halten Frost nur bis minus drei Grad fern

Gerade haben die Erdbeerbauern der Region mit der Ernte angefangen, und schon droht Ungemach. Klirrende Fröste von bis zu minus fünf Grad sagen die Meteorologen voraus. „Bis minus zwei, drei Grad halten die Vliese, die mit mühsamer Kleinarbeit über die Pflänzchen gezogen werden, den Frost ab“, weiß Erdbeerbauer Jürgen Schüler (Drais).

Wenn das Thermometer tiefer fällt, wird's kritisch. Dann ist die Arbeit umsonst. Es gilt nicht nur die Kulturen für ein paar Tage abzudecken. Wenn die Sonne scheint, muss Luft an die Früchtchen und Blüten, damit sich die Hitze nicht staut.

Und vor allem müssen Insekten die Blüten zum Bestäuben erreichen können. Noch ist Jürgen Schüler verhalten optimistisch, obwohl er weiß: „Dem Wetter steht man machtlos gegenüber. Mit etwas Glück bleibt die Windrichtung auf West. Wenn er auf Ost oder Nord dreht, wird es bitter, dann sind nicht nur die Senken etwa in Bretzenheim oder Gonsenheim betroffen sondern auch die Höhenlagen hier bei uns in Drais.“

Winzer fürchten um Existenz

Noch weniger vorbeugen als die Erdbeererzeuger können die Winzer. Etliche wurden schon im vergangenen Jahr beim Frost am 4. Mai arg gebeutelt. Weinbauberater Oswald Walg (DLR Rheinhessen-Nahe) weiß von Betrieben, die in echten Liquiditätsproblemen stecken und für die ein erneuter Frost existenzbedrohend wäre. Abwarten, welche Wetterpropheten Recht behalten. Walg: „Wetter.com ist etwas optimistischer als Donnerwetter.de. Unsere DLR-Vorhersagen sind pessimistischer, sagen bis drei Grad minus voraus.“

Früher halfen sich die Winzer und Obstbauern damit, bei Spätfrösten kleine Öfchen aufzustellen, oder es wurden sogar alte Autoreifen verbrannt. Während sich die „Reifenlösung“ von selbst verbietet, sind die Öfchen wieder aktuell. Sie müssen in Abständen von 20 bis 30 Meter aufgestellt werden. Ein mittelgroßer Betrieb müsste einige Hundert ordern. Doch die plötzliche Nachfrage stellte den französischen Lieferanten von Parafin-Funzeln vor Probleme. Walg: „Die Winzer, die bestellt haben, kriegen nix bei. Die Franzosen waren wohl von den Aufträgen überrascht.“

Doppelschock ist selten

Für Winzer und Meteorologen kommt der Spätfrost trotz der gleichen Problematik im vergangenen Jahr überraschend. „Zwei Frostjahre direkt hintereinander sind für den Mai sehr ungewöhnlich“, sagt Diplom-Meteorologe Dominik Jung. 2011 hatte es landesweit schlimme Schäden gegeben. Das letzte Frostjahr lag 14 Jahre zurück – 1997. Sollte sich diese Wetterlage öfter wiederholen, dürften etliche Winzer auf die Minimalschnitt-Methode ausweichen.

Die beim DLR Kreuznach entwickelte Reberziehung bedeutet, dass der Schnitt unterbleibt und die Kulturen nur mit Laubschneidern in Facon gebracht werden. Zahlreiche Triebe in „oberen Stockwerken“ werden von Bodenforst kaum erreicht, das Frostrisiko verteilt. Das war 2011 in den Musteranlagen deutlich nachvollziehbar: Kaum Schäden. Oswald Walg: „Nach den Frösten 2011 gab es Nachfragen vor allem in Anbaugebieten mit starken Schäden.“ Walg hielt ein Dutzend Vorträge in allen deutschen Weingegenden.

Armin Seibert