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    Mainz

    Junge Gäste retten Charlys Hobby über den Sommer

    Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Kneipe "Zum Hobby" in der Zanggasse 26. Aber diesen Sommer wär's fast vorbei gewesen. Denn als die Stammbedienungen von Karl Wilhelm Rückes wegen Krankheit und Urlaub ausfielen, kam der Wirt in die Bredouille. "Eigentlich wollte ich mindestens im Juni zumachen", sagt der 80-Jährige und zwinkert: "Aber manchmal kommt's anders, als man denkt."

    Vom Gast zum Wirt: Kristoffer Braun (links) und Daniel Sieben stehen seit der EM ab und an im "Hobby" hinter der Theke.
    Vom Gast zum Wirt: Kristoffer Braun (links) und Daniel Sieben stehen seit der EM ab und an im "Hobby" hinter der Theke.
    Foto: Michael Bellaire

    Anders kam's und zwar in Person von Daniel Sieben und Kristoffer Braun. Die beiden haben sich mit Freunden regelmäßig zum After-Work-Stammtisch im "Hobby" getroffen. Dass der Laden ausgerechnet in dem Monat zumachen sollte, in dem die Fußball-Europameisterschaft lief, das hat ihnen nicht geschmeckt. "Wir dachten: Das geht doch nicht!", berichtet Sieben. "Machen wir halt auf!".

    Karl Wilhelm Rückes alias Charly. Das Zanggassen-Original ist froh um die junge Unterstützung.
    Karl Wilhelm Rückes alias Charly. Das Zanggassen-Original ist froh um die junge Unterstützung.
    Foto: Alexandra Schröder

    Sieben und Braun kennen sich aus in der Mainzer Kneipenszene, denn mit Marc Distel und Simone Gemmer treten sie als Kneipenhorst auf. Das ist ein fiktiver Charakter, der in einem gleichnamigen Bonusheft seine 21 Lieblingskneipen der Stadt vorstellt: meist alteingesessene Bierkneipen, an die die Vier ihr Herz verloren haben. Eben Kneipen wie das "Hobby", das nicht für Anhänger feinsinniger Wirtshauskultur gemacht ist, sondern für Durstige, die ein kühles Bier zu fairen Preisen und später Stunde zu schätzen wissen: Flens und Wulle kosten 2,20 Euro, Jägermeister gibt's für 1,90 Euro, die Konzession erlaubt Betrieb bis 5 Uhr.

    Vom Kneipenführer zum Kneipenwirt

    Los ging die Verjüngungskur in Windeseile: Eine Facebookseite wurde erstellt und im Netz kräftig die Werbetrommel gerührt, der Laden wurde ein wenig aufgehübscht, mit einem Kicker ausgerüstet und es wurde ein EM-Konzept voller landestypischer Spezialitäten erdacht. Flüssiger Natur, versteht sich. Außerdem haben sich die Jungwirte um eine Leinwand, einen Beamer, GEMA- und GEZ-Gebühren sowie neue Bedienungen gekümmert.

    Vom Kneipenführer zum Kneipenwirt - das war ein lehrreicher Seitenwechsel: "Das macht zwar total Spaß, aber man sieht auch mal, wie viel Arbeit das ist und wie wenig bei rumkommt, wenn's dumm läuft", erklärt Sieben, der mit Braun als Dienstleister für Rückes agiert und am Umsatz beteiligt ist. Dabei war es gerade bei den Deutschland-Spielen rappelvoll. Auf Dauer werden die beiden ihr Engagement in diesem Maß nicht weiterführen können, aber mindestens drei Abende im Monat bleiben sie dem "Hobby" vorerst erhalten. Auch die Facebookseite betreuen sie weiter.

    Rückes, im Bleichenviertel besser bekannt als Charly, ist froh über "die junge Leut'". Zum einen hat er durch sie höchstwahrscheinlich eine neue Bedienung auf Dauer gefunden und zum anderen sind während der vergangenen Wochen Hunderte von jungen Gästen in seine Kneipe gekommen, die ohne das Engagement von Sieben und Braun wohl nie einen Fuß hineingesetzt hätten.

    Rückes ist kein Mainzer, sondern ein echter "Rheingauner", wie er selber sagt, aber schon ewig in der Zanggasse. Eigentlich hat der Rüdesheimer Bäcker und Konditor gelernt und in den 50ern bei den Amerikanern in Biebrich gearbeitet. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname Charly. Danach arbeitete er im Wiesbadener Rotlichtmilieu, bis er in der Zanggasse einen Sexshop eröffnet hat. "Ich hatte alles: Lack, Leder, Gummi. Nach Ärger mit der Bauaufsicht musste ich den Laden aber aufgeben und alles wegschmeißen", erzählt Rückes, noch immer ziemlich entrüstet: "Das ist ja alles Sondermüll!"

    Der damaligen Wirtin des "Hobbys", das es übrigens schon seit mehr als 30 Jahren gibt, hat er im Sinne guter Nachbarschaft immer mal handwerklich geholfen. Und als die nicht mehr wollte und sein Sexshop Geschichte war, hat er die Kneipe übernommen. Da war er schon 70 Jahre alt.

    Dass das mit den jungen Leuten geklappt hat, freut ihn: "Mit dem Daniel hab ich einen griechischen Tanz hingelegt, dass ich danach kaum die Knochen zusammensortieren konnte!", sagt er und lacht, während im Hintergrund Spielautomaten und Jukebox flackern. Denn die Kneipe komplett abgeben, das will er auch mit stolzen 80 Jahren nicht, da ist er ganz pragmatisch: "Wie bitte? Von irgendwas muss ich ja leben!"

    Alexandra Schröder

    Hinweis: Das Hobby ist erreichbar unter www.facebook.com/DeinHobby. Den Kneipenführer kann man bestellen auf www.kneipenhorst.de oder für 7 Euro im Buchhandel kaufen.

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