Archivierter Artikel vom 14.09.2010, 12:18 Uhr

Jugend ist optimistischer – aber Milieukluft wächst

Berlin (dpa). Alle vier Jahre zeichnet die Shell-Jugendstudie nach, wie Deutschlands Nachwuchs tickt: Optimistisch und selbstbewusst, lautet das Fazit für 2010, so sehen die meisten ihre Zukunft. Aber erneut zeigt sich, dass das für sozial Benachteiligte so nicht gilt.

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Jugendliche bei einer Bundestagsdebatte
Bloß kein «Loser-Schicksal»: Die Angst vor unsicheren Lebensverhältnissen und die Sorge, gesellschaftlich abzustürzen, treiben viele Jugendlichen um. (Bild: dpa)

Deutschlands Jugendliche blicken optimistischer in die Zukunft – aber bei der Einschätzung ihrer persönlichen Perspektiven klafft die Schere zwischen den sozialen Milieus immer weiter auseinander. Das geht aus der 16. Shell-Jugendstudie hervor, die am Dienstag (14. September) in Berlin vorgestellt wurde. Ob Politikinteresse, Bildungschancen oder soziales Engagement: Die 12- bis 25-Jährigen aus sozial benachteiligten Familien zeigen in allen Bereichen deutlich weniger Zuversicht. Während insgesamt fast drei Viertel der 2500 Befragten zufrieden mit ihrem Leben sind, äußern sich nur 40 Prozent der Jugendlichen aus der Unterschicht positiv.

«Es zeigt sich ein bemerkenswerter Optimismus, aber auch eine deutliche Schichtabhängigkeit», sagte Prof. Mathias Albert, der die Studie zusammen mit den Bielefelder Sozialwissenschaftlern Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel sowie TNS Infratest Sozialforschung (München) im Auftrag von Shell verfasste. Fast ein Viertel der Befragten zählen zur Unterschicht (10 Prozent) und unteren Mittelschicht. «Insgesamt sind die Jugendlichen pragmatisch und selbstbewusst, weil sie aufs eigene Leistungspotenzial setzen.»

Bildung bleibt dabei der Schlüssel zum Erfolg: Zu Ausbildung und Berufseinstieg hat sich die Einstellung der Jugendlichen seit 2002 klar verbessert. Fast drei Viertel von ihnen gehen davon aus, sich ihre Berufswünsche erfüllen zu können. Bei den Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen glauben dies jedoch nur 41 Prozent. «Die Studie zeigt: Frühkindliche Bildung ist der Grundstein für Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten – das gilt ganz besonders für Kinder aus sozial schwächeren Familien», betonte auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU).

Angestiegen ist erneut der Wert der Familie: Mehr als 90 Prozent der Befragten haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden die eigenen Kinder – die sich mittlerweile 69 Prozent der Jugendlichen einmal wünschen – später genauso erziehen.

Auch das Interesse an Politik regt sich wieder, wiewohl weit unter dem Niveau der 70er und 80er Jahre – und auch nicht hin zu den etablierten Parteien. Letztere ernteten ebenso niedrige Bewertungen wie Regierung, Kirche und große Unternehmen, während Polizei, Gerichte, Bundeswehr, Menschenrechts- und Umweltgruppen viele Sympathiepunkte sammelten.

Drei Viertel der Jugendlichen halten den Klimawandel für ein großes Problem; zwei von Dreien sehen durch ihn sogar die Existenz der Menschheit bedroht. Immerhin jeder zweite spart im Alltag deshalb bewusst Energie. Auch das soziale Engagement ist gestiegen: Fast 40 Prozent der Befragten setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftlichen Zwecke ein. Aber auch hier gilt: Je gebildeter die Jugendlichen, desto häufiger sind sie aktiv für den guten Zweck.

Das Internet gehört für die Jugendlichen zum Alltag: 96 Prozent sind online, im Schnitt halten sie sich 13 Stunden pro Woche im Netz auf. Aber während kompetente «Multi-Nutzer» (34 Prozent) überwiegend aus oberen Schichten stammen, sind es bei den 24 Prozent «Gamern» vor allem ärmere Jugendliche.

In den neuen Bundesländern glauben zudem nur 8 Prozent der Jugendlichen an einen Gott, im Westen sind es 23 Prozent. Unter den Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln sind 44 Prozent gläubig.

Shell-Jugendstudie im Netz

Viele Jugendliche wollen Sicherheit

Köln (dpa/tmn) – Jugendliche in Deutschland wollen ihr Leben unter Kontrolle haben. Sie suchen verstärkt Sicherheit und Stabilität durch Ordnung und feste Regeln. Zu diesen Ergebnissen kommt eine qualitative Studie des Instituts Rheingold in Köln.

Der Umfrage zufolge ist der Grund dafür die Angst vor zunehmend als unsicher empfundenen Lebensverhältnissen und die Sorge, gesellschaftlich abzustürzen. Hartz IV sei für viele Jugendliche das Sinnbild eines «Loser-Schicksals». Jugendliche seien leistungsbereit und bemüht, Qualifikationen und Kompetenzen zu sammeln, um sich gegen einen möglichen Absturz abzusichern.

Auch in der Partnerschaft zählt Sicherheit: Die meisten wünschen sich Treue und Verlässlichkeit. Generell werden Risiken vermieden. Jugendliche setzen auf Realismus – nicht auf große Lebensträume. Im Vordergrund stehen erreichbare Ziele – vor allem die Familie und das eigene kleine Haus.

Für die qualitative Studie befragte das Marktforschungsinstitut Rheingold 100 Personen zwischen 18 und 24 Jahren in psychologischen Tiefeninterviews.

Prioritäten setzen hilft gegen Stress

München (dpa/tmn) – Jugendliche sollten sich Zeit nehmen, um bewusst Schwerpunkte in ihrem Leben zu setzen. «Immer mehr muss heute in immer weniger Zeit erledigt werden», sagt Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut in München. Wichtige Fragen seien deshalb: Was habe ich mir alles vorgenommen? Was muss wirklich sein? Was ist mir besonders wichtig? Auf was kann ich vielleicht verzichten?

Dass sich Jugendliche zwischen immer mehr Bereichen entscheiden müssen, belegt die aktuelle Shell-Jugendstudie: Der persönliche Erfolg durch Fleiß und Ehrgeiz ist demnach für eine Mehrheit der Jugendlichen wichtig. Gleichzeitig wollen sie ihr Leben genießen und legen Wert auf ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden und Bekannten. Auch politisches Engagement spielt für viele eine Rolle.

Es gehe deshalb vor allem darum, Prioritäten zu setzen und die eigentlichen Interessen nicht aus den Augen zu verlieren, erklärt Gaiser. Dabei könnten am besten die eigenen Freunde helfen. Jugendliche empfinden ihre Entscheidung für eine bestimmte Ausbildung zum Beispiel als viel zufriedenstellender, wenn sie das Thema vorher mit Freunden besprochen haben. Oder die zweite Fremdsprache ist plötzlich gar nicht mehr so wichtig, wie gedacht.

Unter Freunden könnten Jugendliche Fragen stellen und diskutieren, welche Entscheidungen sie im Leben wirklich treffen wollen, erläutert Gaiser. «Leistungsbereitschaft und soziale Beziehungen müssen dabei kein Spagat sein.» Soziale Netze dienten als wichtiger Rückhalt, um den immer vielfältigeren Anforderungen der Jugend gerecht zu werden.

Das Gefühl, immer viele Dinge erledigen zu müssen, könne sich Gaiser zufolge durch permanente Erreichbarkeit verstärken. «Dauernd Surfen, E-Mails bearbeiten, Fotos herumschicken und chatten kann durchaus Stress erzeugen.» Deshalb sollten Jugendliche zwischendurch auch einmal komplett auf Kommunikation und Erreichbarkeit verzichten.