Archivierter Artikel vom 05.12.2011, 14:55 Uhr

Joao Havelange – der Machtmensch des Fußballs

Rio de Janeiro (dpa). Joao Havelange ist für die FIFA ein «Gigant unter den Sportfunktionären». Machtbewusst und sportbesessen trieb der Brasilianer den Fußballsport in ungeahnte Höhen. In seiner Amtszeit (1974-1998) setzte er seinen Kurs zielstrebig, aber nicht immer foulfrei durch.

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Machtmensch
Joao Havelange war von 1974 bis 1998 FIFA-Präsident.
Foto: Marcelo Sayao – DPA

Er war bis vor seinem Rückzug aus angeblich gesundheitlichen Gründen das älteste IOC-Mitglied und der letzte «ewige Olympier» mit unbefristeter Mitgliedschaft. Zweimal nahm er selbst als Sportler an Olympischen Spielen teil, als Schwimmer 1936 in Berlin und als Wasserballer 1952 in Helsinki. In Rio trägt ein Stadion seinen Namen. Er ist FIFA-Ehrenpräsident. Für den 95-Jährigen geht es um sein Erbe und um seinen Ruf. Das IOC ermittelte wegen Bestechungsvorwürfen gegen ihn – durch seinen Rücktritt kam der Doyen der Ringe-Organisation einer Suspendierung zuvor.

Wer wie Jean-Marie Faustin Godefroid (Joao) de Havelange jahrzehntelang Sport- und Verbandspolitik auf höchster Ebene betreibt, der macht sich Feinde. Der «Spiegel» schrieb im März 1998, kurz bevor Havelange den höchsten FIFA-Job an seinen Ziehsohn und jetzigen Amtsinhaber Joseph Blatter übergab, dass sich die Vita Havelanges lese wie «eine gegen Skrupel weitgehend immune Chronique scandaleuse». Und tatsächlich wusste sich der Brasilianer mit belgischen Wurzeln wie kaum ein Zweiter im internationalen Geschacher um Stimmen, Einfluss und Millionen durchzusetzen.

Mit dem Fußball-Idol und Brasiliens Ex-Sportminister Pelé führte er eine erbitterte Privatfehde, weil dieser sich um die Aufklärung von Korruption bemühte und sich mit Brasiliens mächtigem Fußballverband CBF und dessen Präsidenten Ricardo Teixeira anlegte. Der aber war bis 1997 Havelanges Schwiegersohn und weiß sich bis heute auf dem CBF-Chefposten und im FIFA-Exekutivkomitee zu behaupten – das könnte sich kommende Woche ändern. Immer wieder wurden Havelange fragwürdige Kontakte zu Diktaturen in Südamerika und auch zu menschenrechtsverachtenden Regierungen in Afrika vorgeworfen.

Die Förderung der Fußball-Landschaft in Entwicklungsländern war ein Markenzeichen von Havelanges FIFA-Regentschaft. Er war es, der die Ausdehnung des Fußball-WM-Turniers von 16 auf 24 und dann von 1998 an auf 32 Nationen erweiterte. Die FIFA hat heute auch dank Havelange mehr Mitglieder (208) als die Vereinten Nationen (192). Und seinen Kritikern fuhr der autokratische Sportfunktionär stets mit den Worten in die Parade: «Als ich (bei der FIFA) ankam, fand ich ein altes Haus und 20 Dollar in der Kasse. Als ich 24 Jahre später ging, hinterließ ich Eigentum und Verträge im Wert von 4 Milliarden Dollar.»

Alles erreicht, möchte man meinen. Doch es bleibt ein Traum: Havelange will seine Seleção noch einmal siegen sehen. 2014 bei der WM in Brasilien. Am 16. Juli 1950 war er Zeuge des «Maracanaço», des brasilianischen «Fußball-GAUs», der sich als kollektives Trauma tief ins nationale Gedächtnis einbrannte. Damals verlor Gastgeber Brasilien den WM-Titel durch ein 1:2 gegen Uruguay in Rios Maracanã-Stadion.

Das Land fiel an diesem Tag in Schockstarre und mit ihm der damals 34 Jahre alte Jurist Havelange. In drei Jahren will er im Maracanã den sechsten WM-Titel-Gewinn Brasiliens feiern. «Ich hoffe, ich bin 2014 und 2016 noch da, um die WM und die Olympischen Spiele in meinen Land zu sehen», sagte er vor seinem 95. Geburtstag im vergangenen Mai. 2016 wäre Havelange 100 Jahre alt.