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    Islamkritiker Hamed Abdel-Samad: Der Westen verhält sich beschämend

    Der Westen kann nicht Demokratie predigen, aber mit Diktatoren ins Bett gehen, sagt der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Wir erreichten den gebürtigen Ägypter, der heute in Deutschland lebt, zum Interview in seinem Hotel in Kairo. Seit einer Woche unterstützt er die Proteste in seiner früheren Heimat.

    "Der Westen kann nicht Demokratie predigen, aber mit Diktatoren ins Bett gehen" - Islamkritiker Hamed Abdel-Samad.
    "Der Westen kann nicht Demokratie predigen, aber mit Diktatoren ins Bett gehen" - Islamkritiker Hamed Abdel-Samad.
    Foto: Knaus Verlag

    Der Westen kann nicht Demokratie predigen, aber mit Diktatoren ins Bett gehen, sagt der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Wir erreichten den gebürtigen Ägypter, der heute in Deutschland lebt, zum Interview in seinem Hotel in Kairo.

    Seit einer Woche unterstützt er die Proteste in seiner früheren Heimat.

     

    Wie lange sind Sie jetzt schon in Ägypten?

    Ich bin seit Donnerstag hier und bleibe bis Sonntag, aber ich werde verlängern, wenn Mubarak nicht geht.

     

    Sie sind in Ägypten aufgewachsen, haben sich dann aber für ein Leben in Deutschland entschieden. Was lösen die Proteste jetzt bei Ihnen aus?

    Ich habe die große Demonstration am Freitag miterlebt und gesehen, mit welcher Brutalität die Polizei mit uns umgegangen ist. Es gab Tränengas und Schläge. Heute Vormittag war ich auf dem Platz der Freiheit, ich wohne nur 200 Meter davon entfernt. Es waren wieder Hunderttausende Menschen dort. Es geht weiter.

     

    Was versprechen Sie sich von den Protesten?

    Das wichtigste für mich ist, dass die Ägypter diese Schwelle der Angst überwunden haben. Sie wissen jetzt, dass sie für ihre Rechte auf die Straße gehen können. Das ist an sich schon ein Riesenerfolg. Aber jetzt sind wir auch auf den Geschmack gekommen und wollen mehr. Jetzt wollen wir das gesamte Regime stürzen, das über 30 Jahre ein wunderschönes Land heruntergewirtschaftet und in die Isolation hat. Mubarak hat seinen Zenit überschritten, sein Regime taugt nicht mehr, um für Sicherheit und Stabilität in Ägypten und in der Region zu sorgen. Jetzt ist es Zeit für den Wandel.

     

    Wie soll dieser Wandel aussehen?

    Ich hätte es gern so, wie es den demokratischen Gepflogenheiten entspricht. Das ägyptische Volk sollte diese Erfahrung mit sich selbst machen können und nicht daran gehindert werden, weil man Angst hat, dass Islamisten darauf lauern, an die Macht zu kommen. Nein, die Ägypter entscheiden, und sie tragen auch die Verantwortung für diese Entscheidung. Das galt für die USA, das galt für Deutschland, das galt für England – warum nicht für Ägypten? Warum sollten jetzt Kräfte von außen Mubarak durch künstliche Beatmung am Leben erhalten? Man sollte keine Angst vor dem Umbruch haben, denn er könnte auch viel Gutes bringen. Man sollte im Westen ein bisschen Mut zum Risiko haben und sagen: Wir gönnen es den Menschen, dass sie diese Erfahrung mit sich selbst machen und entscheiden, wer sie regiert und wie.

     

    Was bedeutet das genau: die Erfahrung mit sich selbst machen?

    Es bedeutet, selbst zu entscheiden und es bedeutet, dass die Menschen, die unterdrückt wurden, sich selbst organisieren und miteinander verhandeln. Und wenn sie am Ende sagen, sie wollen die Muslimbruderschaft in diesen demokratischen Prozess integrieren, dann machen sie das eben. Wir Ägypter sind diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen. Wir sind nicht dumm. Wir sind jetzt einmal auf die Straße gegangen, um gegen einen Diktator zu demonstrieren, wir würden auch ein zweites Mal auf die Straße gehen, wenn es darauf ankommt. Ich glaube aber, dass die Ägypter jetzt immun sind gegen Diktatoren und ihre Rhetorik, und deshalb wollen auch viele die Muslimbruderschaft nicht mehr. Diese versucht seit Jahrzehnten, die Straße in Kairo so zu mobilisieren wie es gerade geschieht. Es ist ihr nie gelungen. Es ist die Facebook-Generation, es sind die jungen Ägypter, die dafür verantwortlich sind, dass jetzt Hunderttausende auf der Straße sind. Sie rufen nach Demokratie, Freiheit und Wohlstand.

     

    Die USA und auch Deutschland haben sich bisher nur vorsichtig geäußert. Wie bewerten Sie das?

    „Vorsichtig“ ist ein viel zu milder Ausdruck. Ich würde es beschämend nennen. Man hätte schon in Tunesien die Möglichkeit gehabt, die Glaubwürdigkeit des Westens wiederherzustellen, indem er sich unmissverständlich auf die Seite der Demokratie gestellt hätte. Aber indem man jetzt zögert und diesen Schlingerkurs mit Mubarak fährt, indem man ihn künstlich beatmet, diskreditiert sich der Westen in den Augen vieler Araber endgültig. Das wirkt heuchlerisch, der Westen erscheint als eine Kraft, die Demokratie predigt aber mit Diktatoren ins Bett geht. Dieser Kurs muss sofort beendet werden. Wenn man tatsächlich einen Neuanfang zwischen dem Westen und der islamischen Welt will, dann muss sich der Westen jetzt neue Verbündete suchen, nämlich diejenigen, die jetzt hier auf die Straße gehen und die sich von Mubarak distanzieren. Die Norweger haben das getan, sie sind heute Helden für die Ägypter, sie können mit den Ägyptern später wunderbare Geschäfte machen. Die Deutschen nicht so sehr.

     

    Das Gespräch führte Rena Lehmann

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