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    Neu Delhi

    Indien-Debüt: Formel 1 statt Schlangenbeschwörer

    In einer ganzseitigen Zeitungsanzeige präsentiert die Baufirma ihr Prestige-Projekt: Ein Hochhaus, das direkt neben der neuen Formel-1-Rennstrecke in Greater Noida nahe der indischen Hauptstadt Neu Delhi entstehen soll.

    Hoffen
    Narain Karthikeyan soll nicht nur für seinen Rennstall, sondern für ganz Indien werben.
    Foto: Andre Pichette - DPA

    «Genießen Sie aus dem Komfort ihres Zuhauses heraus einen Panoramablick auf die Strecke», wirbt die Firma um wohlhabende Wohnungskäufer. «Hören sie den beschleunigenden Rennwagen zu, während sie an ihrem Lieblingsdrink nippen.» Zumindest ein Teil der Inder ist vor dem Premieren-Grand-Prix in ihrer Heimat vom Formel-1-Virus infiziert worden.

    Das Debüt von Doppel-Weltmeister Sebastian Vettel, Rekordchampion Michael Schumacher und Co. auf dem Subkontinent ist auch Ausdruck des neuen Indiens: Das früher bitter arme Entwicklungsland wandelt sich zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht, die in der Lage ist, solche internationalen Großveranstaltungen auszurichten. Peinliche Pannen und Korruptionsskandale wie bei den Commonwealth Games im vergangenen Jahr blieben bislang aus. Anders als damals organisiert diesmal nicht der Staat, sondern eine private Firma das Event.

    Zwar bietet der «Buddh International Circuit» 100 000 Zuschauern Platz, für die allermeisten Inder wird ein Besuch allerdings unerschwinglich bleiben. Weiterhin lebt ein großer Teil des Volkes in Armut. Die Ticketpreise beginnen bei gut 35 Euro, die teuersten Karten kosten mehr als 500 Euro. Zum Vergleich: Das Pro-Kopf-Einkommen ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gewachsen, liegt laut Weltbank aber immer noch bei unter 1000 Euro im Jahr. Dennoch können auch Inder, für die das Live-Spektakel zu teuer sein wird, der Ankunft der Formel 1 in ihrem Land etwas abgewinnen.

    Zu ihnen gehört Ajay Bhati. Der 35-Jährige ist Sportlehrer in einer staatlichen Schule in Rani Rampur, einem Dorf in der Nähe der neuen Rennstrecke. Für die Dorfbewohner seien die Eintrittspreise «exorbitant», sagt er. «Aber die Formel 1 hat weltweite Aufmerksamkeit auf unsere Gegend gelenkt. Das wird viel dazu beitragen, das abgedroschene Bild Indiens als Land von Schlangenbeschwörern und Puppenspielen zu ändern. Mit der Formel 1 sehen die Menschen Indien als ein modernes Land mit Weltklasse-Infrastruktur und Einrichtungen.»

    Bhati erwartet, dass im Windschatten der Formel 1 weitere Infrastrukturprojekte zur Entwicklung der Gegend beitragen und Arbeitsplätze schaffen werden. Doch nicht jeder in der Region ist zufrieden. Bei Bauern, auf deren Land die mehr als 290 Millionen Euro teure Rennstrecke gebaut wurde, gärt es. Sie fühlen sich von der Regierung des Bundesstaats Uttar Pradesh - die das Gelände ursprünglich von ihnen gekauft hat - über den Tisch gezogen. Die betroffenen Landwirte fordern höhere Abfindungen.

    «Wir sind nicht gegen das Rennen, aber die Staatsregierung hat ihre Versprechen, die sie uns gegeben hat, nicht gehalten», sagt Bauernführer Rupesh Verma. Manche Bauern hätten kein neues Land bekommen und seien nun arbeitslos. «Für dieses Spiel mit schnellen Autos, das für die Elite ist, wurden Landwirten die Lebensgrundlagen geraubt.» Dass Proteste den Grand Prix stören könnten, gilt angesichts der Sicherheitsvorkehrungen als unwahrscheinlich.

    «Sie haben soviel Geld investiert. Ich bin sicher, alles wird nach Plan verlaufen», sagte Indiens derzeit einziger Formel-1-Rennfahrer Narain Karthikeyan der Nachrichtenagentur dpa. Der 34-Jährige hofft durch das Rennen auf einen Schub für den Rennsport in seiner Heimat. «Wenn ein bisschen mehr Geld in den indischen Motorsport fließen würde, könnte man soviel damit erreichen. Aber die Leute müssen den Sport erst entdecken und besser verstehen. Dass die Formel 1 jetzt dort fährt, wird auf jeden Fall helfen», meinte der HRT-Pilot.

    Nitin Kapur glaubt nicht, dass der Rennsport nur die Reichen und Schönen in Indien interessiert. Kapur führt das Pebble Street Restaurant, das seit 2001 Heimat des ersten Formel-1-Fanclubs Neu Delhis ist. Über alle sozialen Schichten hinweg sei bekannt, dass das Rennen in Indien stattfinden werde, sagt er. Wer sich kein Ticket leisten könne, werde das Spektakel eben im Fernsehen verfolgen.

    Die Anzahl der Fans habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, sagt Kapur. «Viele Leute haben angefangen, die Rennen zu verfolgen, besonders in dieser Saison, wenn Indien das erste Mal Gastgeber sein wird.» Der Gastronom erinnert sich nicht mehr daran, wann genau er zum Fan wurde. Er weiß aber noch, was er dachte, als er sein erstes Rennen sah: «Ich wünschte, ich könnte so einen Wagen fahren.» Sein Idol damals: «Schumi.»

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