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    Mainz

    In der Fiszbah trifft Mainz auf Moskau

    Veronika, der Borschtsch ist da: zu Besuch in der Szenekneipe "Fiszbah" in der Frauenlobstraße.

    Artjom Avetisyan hinter der Theke seiner Fiszbah: Hier fließen Bier, Wodka, Cocktails und manch merkwürdiges Gesöff. 
Fotos: Bernd Eßling
    Artjom Avetisyan hinter der Theke seiner Fiszbah: Hier fließen Bier, Wodka, Cocktails und manch merkwürdiges Gesöff. Fotos: Bernd Eßling
    Foto: Bernd Eßling

    Mainz - Zehn Jahre war Artjom alt, als er 1983 in Moskau in einen Zug in Richtung Feindesland stieg. Ein kleiner, aber überzeugter Kommunist und leidenschaftlicher Pionier. Damals war nicht damit zu rechnen, dass er mal eine der Mainzer Szenekneipen leiten würde. So ist das halt: Manchmal macht das Leben eine Kurve.

    Kleine, blaue Tische mit roten Fischen, dazu viele Lampen, Lichter und Kerzen - so lässt es sich bei einem Drink lässig plauschen.
    Kleine, blaue Tische mit roten Fischen, dazu viele Lampen, Lichter und Kerzen - so lässt es sich bei einem Drink lässig plauschen.
    Foto: Bernd Eßling

    "Schon am Braunschweiger Bahnhof hat mich der Feind überzeugt", sagt Artjom Avetisyan und grinst schief, während er sich noch eine Zigarette dreht. "Die bunten Lichter und die Auslagen in den Schaufenstern fand ich toll."

    Bis in die Mainzer Fiszbah war es dennoch ein weiter Weg und der führte unter anderem über Limburg. Dort betrieb sein Kumpel Gido Stenger eine Kneipe namens Fiszbah. Beschwätzt hat er den, dass er in Mainz, wo Avetisyan mittlerweile Mediendesign studierte, auch eine Kneipe aufmachen solle. Hat der Kumpel prompt auch und zwar im früheren Café Nixda in der Raimundistraße 13/Ecke Frauenlobstraße.

    Mutter Irina hat zugeschlagen

    "Es lief allerdings nicht so gut, weil Gido einfach zu selten in Mainz war", sagt der 38-Jährige, der damals ab und an als Bedienung eingesprungen ist. Schließlich wollte sein Freund die Kneipe abgeben - und Avetisyans Mutter Irina hat zugeschlagen. Seit April 1999 ist die Fiszbah sozusagen in russischer Hand. "Eigentlich wollte ich mein Studium nebenher weitermachen, aber nach dem Vordiplom war klar: Beides zusammen läuft nicht." Also wurde das Designstudium auf unbestimmte Zeit verschoben und wieder eine Kurve genommen.

    Seinem Konzept ist Avetisyan über die Jahre treu geblieben. Eine Bar nach Berliner Art wollte er haben: Im Hintergrund dudelt nicht irgendeine massentaugliche Musik, sondern DJs legen auf, während eine kleine Lightshow durch die Kneipe funkelt. Dieses Konzept hat zu Beginn des neuen Jahrtausends bombig eingeschlagen. Legendär waren die Dienstagabende, wenn Psycho Jones aufgelegt hat. Die kleine Fiszbah war proppenvoll, die Gäste ebenfalls, die Luft war dick zum Schneiden, die Lunge hat um Gnade gewinselt und nach kürzester Zeit war man so aufgeheizt, dass man sich das kühle Bier lieber ins Dekolleté gekippt hätte als es zu trinken. Mit anderen Worten: Es war großartig.

    "An diesen Dienstagen war die Hölle los. Damals gab es aber auch in Mainz kaum was neben dem KUZ. Erst in den letzten Jahren hat sich ziemlich viel getan", erinnert er sich, während hinter ihm die Sowjetpropagandabilder an der Wand hängen. Der Andrang ist zwar mittlerweile deutlich zurückgegangen, die DJ-Abende sind aber immer noch fest im Programm. Die wachsende Konkurrenz sieht Avetisyan gelassen: Alles ändert sich - mal abgesehen von den blauen Tischen mit den roten Fischen drauf, die bleiben. Seit in der Fiszbah nicht mehr geraucht werden darf, legt er außerdem mehr Wert auf die Küche. Und da kommt Mama Irina wieder ins Spiel. Ihre sonntäglichen Frühstückskreationen sind berühmt-berüchtigt in Mainz. Sie sind groß, sie sind gewaltig, sie sind verdammt lecker. "Eigentlich hätte ich gern, dass meine Mutter nicht mehr so lange in der Küche steht und sich etwas mehr schont. Das kann man dieser Frau aber lange sagen …"

    Borschtsch nach Moskauer Art

    Auf Mama Irina und ihre Sippe geht übrigens auch eine kulinarische Besonderheit der Fiszbah zurück: In der kalten Jahreszeit gibt es Borschtsch - eine russische Suppe, bestehend aus Kohl, Fleisch und diversen Geheimnissen - nach original Moskauer Familienrezept. Und natürlich auch jede Menge Wodka zum Nachspülen.

    Auch wenn Avetisyan russische Wurzeln in der Fiszbah unübersehbar sind, hat die Liebe zur alten Heimat Grenzen: "Ich bin immer mal gefragt worden, aber einen russischen Abend wird es nicht geben. Dafür kenne ich die Partys meiner Landsleute zu gut!"

    Seit fünf Jahren gehört eine klitzekleine Laube zur Fiszbah, in der man auf schweren, alten Holzbänken wunderbar klönen kann. Um 22 Uhr ist draußen allerdings Schicht, denn Stress mit den Anwohnern hatte er schon häufig. Apropos Stress: Wenn er eine Pause vom Leben als Oberfisch und der ständigen Nachtarbeit braucht, dann fährt er nach Berlin. Dort lebt nämlich seine Frau.

    Ganz in die Hauptstadt zu ziehen, raus aus allem hier, sich wieder mehr der Kunst widmen - das kann er sich eigentlich gut vorstellen. Sowieso steht bald eine Entscheidung an, wie es mit ihm und seiner Kneipe weitergehen soll, denn im Januar bekommt das Paar sein erstes Kind. Aber bis sich das Leben in die nächste Kurve legt, drehen sich die Turntables in der Fiszbah weiter... Alexandra Schröder

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