Archivierter Artikel vom 16.03.2013, 07:30 Uhr

Hygiene: Saubermann Niederlande – Deutschland mit Nachholbedarf

Mainz – Wenn es um das Thema Krankenhauskeime geht, werden fast immer die Niederlande als Vorbild genannt. Dort liegt die MRSAHäufigkeit bei 1 Prozent – anstatt wie in Deutschland bei 20. Vor allem der seit Jahrzehnten sparsame Umgang mit Antibiotika wird für das positive Abschneiden im Nachbarland verantwortlich gemacht.

Land in Zahlen 30 000 Krankenhausinfektionen ziehen sich Patienten jährlich in rheinland- pfälzischen Kliniken zu, bis zu 750 Menschen sterben (Quelle: „Ärzteblatt“).
Land in Zahlen 30 000 Krankenhausinfektionen ziehen sich Patienten jährlich in rheinland- pfälzischen Kliniken zu, bis zu 750 Menschen sterben (Quelle: „Ärzteblatt“).

Mainz – Wenn es um das Thema Krankenhauskeime geht, werden fast immer die Niederlande als Vorbild genannt. Dort liegt die MRSAHäufigkeit bei 1 Prozent – anstatt wie in Deutschland bei 20. Vor allem der seit Jahrzehnten sparsame Umgang mit Antibiotika wird für das positive Abschneiden im Nachbarland verantwortlich gemacht.

In Holland hat jedes Krankenhaus einen eigenen Chefarzt für Mikrobiologie, der die Verordnung von Antibiotika überwacht. Überdies findet vor der Aufnahme eines Patienten ein MRSA-Screening statt: Wer im Verdacht steht, den Keim zu tragen, landet auf der Isolierstation. In Rheinland-Pfalz ist das Volumen der von den niedergelassenen Ärzten verschriebenen Antibiotika in den vergangenen fünf Jahren hingegen um rund 16 Prozent gestiegen.

Das geht aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Demnach erhielt jeder rheinland-pfälzische Erwerbstätige im Jahr 2011 5,9 Tagesdosen Antibiotika. 2006 waren es noch 5,1 Tagesdosen. Auch im bundesweiten Vergleich liegt Rheinland-Pfalz um etwa 14 Prozent über dem Durchschnitt. Dennoch lässt sich das Beispiel Holland nicht einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen. Denn dort gibt es nicht nur weniger Patienten, sondern auch weniger Krankenhäuser. Fachärzte können sich nicht mit einer eigenen Praxis niederlassen, sondern arbeiten immer an Kliniken.

Durch diese Zentralisierung lassen sich Regeln im Gesundheitssystem leichter ändern, erklärt Prof. Bernd Jansen, Leiter der Abteilung für Hygiene und Krankenhaushygiene der Universitätsmedizin Mainz. „Holland baut im Umgang mit multiresistenten Erregern auf Prävention, in Deutschland liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Diagnostik und Therapie“, konstatiert Jansen. Zwar hat jede deutsche Klinik einen Hygieneplan, der den Umgang mit Patienten und medizinischen Gerätschaften regelt.

„Aber den Inhalt eines 500-Seiten-Dokuments, das im Intranet steht, muss man auch vermitteln und schulen“, sagt der Professor. Er fordert, Hygiene mehr ins Bewusstsein angehender Ärzte zu bringen. „Derzeit sind für dieses Fach bei uns in Mainz sechs Pflichtstunden im gesamten Medizinstudium vorgeschrieben, der Besuch der Vorlesung ist freiwillig.

Bei der Ausbildung des Pflegepersonals spielt Hygiene eine deutlich wichtigere Rolle.“ Dennoch sieht Jansen das Land auf einem guten Weg. „Wenn jedes größere Krankenhaus erst einen eigenen Krankenhaushygieniker hat, haben wir schon viel gewonnen.“ Ein Pferdefuß wird bleiben: Die mikrobiologische Forschung hinkt der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen hinterher – die Erreger sind stets einen Schritt schneller.

Auf dieses Problem wiesen erst vor wenigen Tagen Forscher der Hamburger Akademie der Wissenschaft sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle (Leopoldina) erneut hin. In einer Stellungnahme drängen sie zur Entwicklung neuer Antibiotikawirkstoffe. Aber Grundlagenforschung ist langwierig und teuer – für Pharmafirmen rechnet sie sich nicht. Die Forscher plädieren deshalb für eine engere Zusammenarbeit von Industrie, Wissenschaft und Politik. Verunsicherten Patienten bleibt indes nur, überflüssige medizinische Behandlungen und Operationen zu vermeiden.

Lässt sich ein Eingriff planen, können Risikopatienten sich vorab bei einem niedergelassenen Arzt einen MRSA-Abstrich machen lassen. Wird festgestellt, dass sie den Keim bereits am Körper tragen, lässt er sich mit desinfizierender Nasenoder Hautsalbe behandeln. Die Internetseite eines Krankenhauses gibt Auskunft darüber, ob dort eine Hygieneabteilung oder Hygiene- Fachpersonal existiert.

„Fehlt ein solcher Ansprechpartner, deutet das auf eine fehlende Struktur hin. Das ist ein Alarmzeichen“, warnt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Von Nicole Mieding