Archivierter Artikel vom 08.06.2017, 20:06 Uhr
Berlin

Hintergrund: Kein Aufschrei der Muslime?

Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat mit seiner Wutrede bei Rock am Ring eine neue Debatte entfacht: Müssen friedlich in Deutschland lebende Muslime stärker Flagge zeigen gegen den Terror im Namen ihrer Religion? Große Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern gegen die Islamisten hat es ihrerseits bislang tatsächlich nur selten gegeben. „Wir brauchen jetzt sichtbare Zeichen, um Zusammenhalt zu demonstrieren und zu zeigen, dass wir uns alle gegen diese Gewalt stellen“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Von Rena Lehmann

Gemeinsam mit Tarek Mohamad, dem Geschäftsführer einer Pizzalieferkette, der sich privat für einen friedlichen Islam engagiert, hat Kaddor für den 17. Juni deshalb eine Demonstration in Köln angemeldet. „Der Anschlag von London war ein Auslöser. Wir Muslime müssen uns mehr bewegen“, erklärt Kaddor im Gespräch mit unserer Zeitung. Kaddor ist Mitbegründerin des unter Muslimen nicht unumstrittenen Liberal-Islamischen Bundes, der sich für eine moderne Auslegung des Islam ausspricht. Die Demonstration hat Kaddor aber als Privatperson angemeldet. Sie soll nicht unter der Flagge eines muslimischen Verbandes stattfinden. Noch abzuwarten ist, welche Verbände sich der Demonstration anschließen werden. In der Vergangenheit hatte es bei ähnlichen Vorhaben immer wieder Uneinigkeit unter den Verbänden gegeben, etwa bei der vom Zentralrat der Muslime initiierten Kundgebung am Brandenburger Tor nach dem Anschlag von Paris im Januar 2015. Der Zentralrat der Muslime hatte zu der Veranstaltung aufgerufen, laut Polizei kamen etwa 10.000 Teilnehmer.

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, in dem zwischen 10.000 und 20.000 der rund fünf Millionen in Deutschland lebenden Muslime organisiert sind, kann die Kritik von Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg denn auch nicht nachvollziehen. Lieberberg hatte nach der Unterbrechung des Festivals wegen einer Terrorwarnung gesagt: „Ich habe bisher noch keine Muslime gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?“ Später legte er in einem Interview auf Sat.1 nach: „Man kann nicht sagen, das ist nicht mein Islam. Man muss dann auch zeigen, wofür stehe ich. Ich finde, dass gerade die Vielzahl der friedlichen Muslime Flagge zeigen soll.“

Zentralratschef Mazyek weist die Kritik zurück: „Es stimmt nicht, dass Muslime sich nicht positionieren. Ich halte es für ein Problem, wenn Wutreden nicht an die Schuldigen adressiert werden, sondern an diejenigen, die selbst unter dem Terror weltweit leiden“, stellte Mazyek gegenüber unserer Zeitung klar. Er erinnert unter anderem an eine Mahnwache gegen die IS-Verbrechen, an der sich 2014 etwa 1500 Moscheen in Deutschland beteiligt hatten. Aus seiner Sicht hilft es den Terroristen, wenn friedliche Muslime hierzulande unter Druck gesetzt werden. Die Extremisten seien „hauptverantwortlich für den Terror“. „Muslime sind aber verantwortlich für das Einstehen für eine friedliche Welt, und deshalb ist es wichtig, immer mal wieder Flagge zu zeigen in Form von Demonstrationen und Erklärungen“, räumt Mazyek ein. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, stellt klar: „Es gab und gibt einige muslimische Organisationen, die sich gegen den islamistischen Terror zur Wehr setzen und dies immer wieder auf Kundgebungen und Demonstrationen äußern.“ Es sei „schlichtweg falsch“, was Lieberberg behauptet.

In der Tat hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Protestaktionen von muslimischer Seite gegeben. Als größte Veranstaltung dokumentiert die Initiative „Muslime gegen Gewalt“ auf ihrer Internetseite eine Demonstration in Köln mit 25.000 Teilnehmern im Jahr 2004. Auch nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im vergangenen Jahr haben Muslime demonstriert. In London haben sich nach den jüngsten Anschlägen 130 Imame aus Protest dazu entschlossen, den Attentätern das übliche Beerdigungsritual zu versagen. Unter dem Stichwort #MuslimsAreNotTerrorists (Muslime sind keine Terroristen) oder #Notinmyname (nicht in meinem Namen) bringen Muslime in den sozialen Medien ihren Unmut über die Gewalt zum Ausdruck.

Der öffentliche Eindruck scheint trotz aller Bemühungen offenbar ein anderer. Zumindest scheinen sie nicht auszureichen, um einer wachsenden Angst vor dem Islam in der Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Umfragen zufolge empfindet jeder Zweite in Deutschland die Religion als Bedrohung.

Islamwissenschaftlerin Kaddor beobachtet einen wachsenden Druck, sich als Muslimin noch sichtbarer vom islamistischen Terror abzugrenzen. „Es ist zwar absurd, sich von etwas distanzieren zu müssen, wozu es keine Nähe gibt, aber es wird offenbar auch von der normalen Bevölkerung bisher zu wenig wahrgenommen, dass Muslime in Deutschland den Terror in jeder Form ablehnen.“ Sie fühle sich persönlich nach jedem Anschlag betroffen. „Und es ist deprimierend, nach jedem Anschlag in Sippenhaft genommen zu werden.“

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann