Archivierter Artikel vom 08.07.2010, 13:00 Uhr
Johannesburg

Hilfsprojekt & Imagepflege: Der WM-Spagat der FIFA

Dieser Auftritt war ganz nach dem Geschmack von Joseph S. Blatter. In Kapstadt durfte der FIFA-Präsident seine Handabdrücke auf dem berühmten «Mandela-Tuch» verewigen.

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Staatsmännisch
Joseph S. Blatter (vorn) winkt vor dem WM-Halbfinale Deutschland – Spanien von der Tribüne.

Blatter mag es staatstragend und glamourös – besonders wenn es darum geht, sein Image als Förderer des Weltfriedens zu unterstreichen. Vier Wochen lang war die Fußball-WM in Südafrika dafür die perfekte Bühne. Nie zuvor in der 80 Jahre währenden WM-Geschichte stand das Fußball-Turnier so sehr unter dem Schlaglicht des Politischen. Die FIFA erfüllt mit der ersten WM in Afrika ihren sich selbst gestellten Entwicklungsauftrag. Der Sport rückte dabei manchmal fast schon unverhältnismäßig in den Hintergrund.

«Ich kann Nelson Mandela nur zustimmen, der sagte, dass diese Weltmeisterschaft die Menschen einen, die Welt verändern und den Grundstein für eine bessere Zukunft legen kann», sagte Blatter, der gerne über das Gute des Sports psalmodiert. Am Sonntag gemeinsam mit Volksheld Mandela den WM-Pokal an den neuen Fußball-Weltmeister zu übergeben, wäre für Blatter die absolute Krönung seiner oft nur schlecht verborgenen Staatsmann-Allüren. «Der Fußball verbindet alle Menschen», lautet einer seiner Standardsätze. Schon drei Tage vor dem Finale jubelte Blatter: «Afrika kann stolz sein. Südafrika kann noch stolzer sein. Sie haben einen großartigen Job gemacht», und sprach sich für Olympia 2020 am Kap aus.

Die WM war für Blatter nicht ohne Risiko. Mit aller Macht wollte der Schweizer das Turnier am Kap – und der Organisationserfolg gibt ihm nun Recht. Die Zweifler sind schon lange vor dem Finalwochenende verstummt. Wenn Bilanz gezogen wird, bleibt von dem afrikanischen Premieren-Turnier durchaus viel Gutes. Mit zahlreichen Programmen hat der Weltverband seine Förderziele verfolgt: One Goal, Football for Hope, Football For Health – sind die Schlagwörter für einige Hilfsprojekte. Der Ticketfund ermöglichte zudem Tausenden armen Südafrikanern den Besuch eines WM-Spiels.

Bei allem vermeintlichen Gutmenschentum: Das Mega-Ereignis Fußball-WM rechnet sich für die FIFA wie nie zuvor. Einnahmen von über drei Milliarden Dollar werden eingestrichen. Als Gewinn bleibt wohl auch ein neunstelliger Betrag in den Kassen, der zum Großteil in Fußball-Projekte reinvestiert werden soll. Der Fußball ist ökonomisch krisenresistent. Wie viel Geld in Südafrika bleibt, ist hingegen umstritten und wohl erst in einigen Jahren volkswirtschaftlich zu beziffern. «Mir liegen noch keine Zahlen vor. Lasst uns abwarten, bis alle Kontostände bekannt sind», wiegelte Blatter finanzielle Fragen ab.

Emotional hat Südafrika durch das FIFA-Engagement gewonnen. Doch was bleibt für den Weltverband an Image-Rendite? Die WM war eine stete Gratwanderung von Entwicklungshilfeprojekt, Milliardeninvestition – aber für die FIFA oft auch ein PR-Desaster. Tue Gutes und rede darüber, bei allem Schlechten schweige still, lautete die Maxime und so war die WM außerhalb Afrikas kein ideologischer Marketingerfolg. Denn den Spagat zwischen Weltkonzern und Sportverband bekommt die FIFA einfach nicht hin.

Blatter ist in höhere Sphären entschwebt, die Geschäfte führt längst ein knallharter Ökonom, Generalsekretär Jêrome Valcke. Und die Interessen der Fußball-Öffentlichkeit rutschen oft genug ins Abseits. Ob Ordner-Chaos, Schiedsrichterskandal oder Flugzeug-Verspätungen vor dem deutschen Halbfinale, das zum Glück nur selten getestete Krisenmanagement war mangelhaft – alle Verantwortung für jedes unpassende WM-Puzzleteil wurde von der FIFA vom Tisch gewischt. Schuld waren immer andere.

«No Comment» lautete die Standardvokabel der von Blatter und Valcke ins mediale Fegefeuer geschickten Presseabteilung um den freundlich-polyglotten wie ohnmächtigen Mediendirektor Nicolas Maingot. Noch vor vier Jahren in Deutschland hatte sich Blatter um jedes Detail gekümmert, in Südafrika tauchte er praktisch nur auf Empfängen und bei Ehrungen auf.

Es bleibt mit Spannung abzuwarten, wie beständig Blatters Afrika-Liebe am Morgen nach dem Endspiel noch sein wird. Der FIFA-Tross zieht weiter nach Brasilien. 2014 steht schon vor der Tür. Erste Fragen nach fortdauernder Unterstützung für die WM-Gastgeber 2010 bügelt Blatter jetzt schon ab. «Wir haben die Basis geschaffen. Es ist alles da, die Infrastruktur, die Popularität des Sports. Wir erwarten, dass sie ihre Hausaufgaben machen», sagte er an die Adresse seiner afrikanischen Freunde.