Archivierter Artikel vom 27.03.2013, 12:00 Uhr
Heidesheim

Hayers Wandel vom Lebe- zum Geschäftsmann

Ständig klingelt das Telefon. Mal ist es der Steuerberater, mal ein Lieferant, ein potenzieller Gast oder ein Angestellter. Fabrizio Hayer ist ein vielbeschäftigter Mann. Der 43-Jährige führt das Landgasthaus und Hotel „Mainzer Hof“ im rheinhessischen Heidesheim.

Filigran am Ball: Der Ex-Mainzer Fabrizio Hayer absolvierte 358 Zweitliga-Spiele.
Foto: Imago
Filigran am Ball: Der Ex-Mainzer Fabrizio Hayer absolvierte 358 Zweitliga-Spiele.
Foto: Imago

Zehn Doppel-, fünf Einzelzimmer, gut bürgerliche Küche. Draußen lädt eine mediterrane Toskana-Terrasse zum Entspannen ein, drinnen ein Festsaal für Feiern mit bis zu 100 Personen. Hayer ist der Chef vom Ganzen. „Ich weiß jetzt, was es heißt, richtig zu arbeiten“, sagt er.

Fabrizio Hayer
Fabrizio Hayer

Hayer würde diesen Satz wohl nicht sagen, hätte er in seinem ersten Berufsleben etwas anderes gemacht, als professionell Fußball zu spielen. Früher führte er ein sorgenfreies Leben, machte sich keinen großen Kopf über die Zukunft. Heute ist er dafür verantwortlich, dass der Laden läuft. „Damals und jetzt, die beiden Jobs kann man gar nicht vergleichen“, sagt Hayer, der unter anderem für den FSV Mainz 05, Rot-Weiß Oberhausen, Rot-Weiss Essen und Waldhof Mannheim 358 Spiele in der Zweiten Liga (52 Tore) bestritt. „Heute trage ich richtig Verantwortung.“

Es ist 15 Uhr, in zwei Stunden öffnet das Restaurant seines Drei-Sterne-Hauses. Warme Küche gibt's bis 23 Uhr. Hayers Haus hat sieben Tage die Woche geöffnet. Kein Ruhetag. „Das ist alles sehr intensiv“, sagt Hayer. Er mag seinen Job. Seine alte Arbeitsstelle hat der Deutsch-Italiener noch mehr gemocht, er hat sie geliebt.

Ein sorgenfreies Leben

Mit leuchtenden Augen erzählt er von seiner aktiven Zeit, von Angeboten aus der Ersten Liga von 1860 München, von seiner Zeit in Mainz mit dem Mitspieler Jürgen Klopp, heute Meistertrainer bei Borussia Dortmund. Hayer erzählt von einem weitgehend sorgenfreien Leben. „Überall war für uns der Tisch gedeckt, wir mussten uns nur noch setzen.“ Essen, Reisen, schöne Hotels – für alles war gesorgt. Und einträglich war das Leben als Fußball-Profi allemal. Hayer hat dieses Leben in vollen Zügen genossen. „Ich bin alle schönen Autos gefahren, habe immer adrette Klamotten angehabt.“ Und abseits des Rasens war der Linksfuß in der Nachspielzeit immer einsatzbereit. „Nicht umsonst kursierte in Mainz der Spruch: keine Feier ohne Hayer.“ Wobei es der Mittelfeldspieler nie übertrieben hat.

Nach zahlreichen Stationen landete Hayer im Herbst seiner Karriere beim Regionalligisten Jahn Regensburg. Eine Achillessehnenverletzung zwang ihn zum Aufhören. 2006 war das, mit 36 Jahren. Ernsthafte Gedanken, was er nach dem Fußball machen könnte, hatte er sich nie gemacht. „Das war damals noch nicht üblich, heute geben Vereine und Berater den jungen Spielern viele Ratschläge“, sagt Hayer.

Viel zu früh geboren

Auch Hayer hatte Ratgeber, seine Mutter drängte ihn, etwas zur Seite zu legen. „Ausgesorgt habe ich deswegen aber noch lange nicht.“ Bei Profis in der heutigen Zeit sei das anders. „Wir konnten uns damals sehr viel leisten, die Spieler heute können sich alles leisten.“ Ein guter Bundesligaakteur verdiente zu Hayers Zeiten um die 400 000 D-Mark pro Jahr. Heute erhält ein durchschnittlich begabter Spieler 800 000 Euro. „Von daher gesehen, bin ich zehn Jahre zu früh geboren worden“, sagt Hayer schmunzelnd. Er erzählt von einem ehemaligien Mainzer Mitspieler, dem auch das damalige Salär nicht gelangt hat und der heute von Hartz IV lebt.

Hayer musste nach dem Ende seiner ersten Karriere zu seiner zweiten gezwungen werden. Seine Frau Sabine hatte, wie er sagt, „das Zigeunerleben satt“. Sechs Vereine in 18 Jahren, viele Umzüge – die beiden schulpflichtigen Töchter sollten Kontinuität in ihr Leben bekommen. Dann stand 2007 der Mainzer Hof zum Verkauf. Sicher, als einst gut bezahlter Fußballer habe er damals in das Haus ganz anders investieren können. „Aber dennoch bin ich heute dazu verdammt, dass das Ding läuft.“ Eine Ausbildung hat Hayer nicht gemacht, als er urplötzlich das Fach wechselte. „Ich habe mir viele Dinge selbst angeeignet und bin reingewachsen.“

Fünf Festangestellte zählt er zu seinem Kleinunternehmen, dazu einige 400-Euro-Kräfte. Seine Eltern helfen, wo sie können. Der Laden läuft. Und doch sagt Hayer: „Ein sorgenfreies Leben habe ich nicht.“ Als Fußball-Profi sah das noch ganz anders aus.

Von unserem Redakteur Jochen Dick