Archivierter Artikel vom 27.02.2014, 14:20 Uhr
Köln/Mainz

Großkotz und Schlappmaul: Lexikon der Karnevalspersönlichkeiten

Der Karneval kennt seine eigenen Stars: Ernst Neger, den Schlagerkönig der Nachkriegszeit. Heinz Schenk, das hessische Schlappmaul. Oder Rolf Braun, unsterblich geworden mit «Wolle mer'n eroilosse?» Eine alphabetische Übersicht von A bis W.

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Konrad Adenauer: Karnevalsmuffel aus Köln
Kölner und Karnevalsmuffel in einem: Konrad Adenauer.
Foto: Hans Heckmann – DPA

Adenauer, Konrad: War dem Karnevalstreiben seiner Heimatstadt Köln ganz und gar nicht zugetan. Am 1. Februar 1952 besprach der erste Bundeskanzler mit seinem Kabinett die «zersetzenden und gehässigen Satiren» bei Karnevalssitzungen. Zunächst wurde ein rechtliches Vorgehen erwogen, doch das Bundesjustizministerium warnte, die frechen Karnevalisten würden zwangsläufig von rheinischen Richtern abgeurteilt werden, «die den karnevalistischen Bestrebungen weitgehendes Verständnis und Nachsicht» entgegenbrächten. So beließ es Adenauer bei einem persönlichen Karnevalsboykott.

«Wolle mer'n eroilosse?»-Erfinder Rolf Braun
Der Mainzer Fastnachter und langjährige Präsident der Fernseh-Fastnachtssendung Rolf Braun prägte «Wolle mer'n eroilosse?».
Foto: Frank May – DPA

Braun, Rolf: War 25 Jahre lang Sitzungspräsident bei «Mainz bleibt Mainz». Erkennungszeichen: dicke Hornbrille. Berühmtester Ausspruch: «Wolle mer'n eroilosse?» Traditionelle Ansprache des Publikums mit den Worten: «Liebe Närrinnen und Narrhalesen!» Nicht fehlen durfte: Namentliche Begrüßung Mainzer Lokalgrößen, von denen man in Rest-Deutschland nie gehört hatte.

Polizei verbat Karnevalskönig
Hat den Karnevalskönig verboten: die preußische Polizei. Den es gab nur einen König, und der saß in Berlin.
Foto: Siewert Falko – DPA

Carneval, König: Ursprünglich gab es keinen Karnevalsprinzen, sondern einen Karnevalskönig. Die preußische Polizei setzte 1824 jedoch durch, dass aus dem König Carneval ein Held Carneval und später ein Prinz wurde. Begründung: In Preußen gibt es nur einen König, und der sitzt in Berlin.

Günter Grass
Schrieb «Einer unserer Mitbürger: Prinz Karneval»: Günter Grass.
Foto: Markus Scholz – DPA

Grass, Günter: Lebte nach dem Krieg für einige Jahre in Düsseldorf und schrieb 1968 die Kurzgeschichte «Einer unserer Mitbürger: Prinz Karneval». Darin geht es um einen Prinzen, der SA-Sturmführer gewesen ist. Angesichts der Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS nicht unpikant.

Ernst Hilbich als Karnevalsschlagerinterpret
Das Lied seines Lebens: Ernst Hilbich sang jedes Jahr «Heut ist Karneval in Knieritz an der Knatter».
Foto: Horst Ossinger – DPA

Hilbich, Ernst: Hatte 20 Jahre lang seinen Kult-Moment in der Fastnachtsausgabe der ARD-Show «Zum Blauen Bock», wenn er das Lied «Heut ist Karneval in Knieritz an der Knatter» sang. Man sah ihn als Kind und später, wenn man selbst Kinder hatte, sah man ihn immer noch. «Blauer-Bock»-Wirt Heinz Schenk engagierte ihn jedes Jahr mit den Worten: «Ärnscht, du machst des widdä!»

Rosenmontag in Köln: Bestatter Kuckelkorn ist Chef
Christoph Kuckelkorn, Chef des Kölner Rosenmontagszuges, sieht Parallelen zwischen seinem Saison-Job und dem gelernten Beruf: Bestatter.
Foto: Oliver Berg – DPA

Kuckelkorn, Christoph: Amtierender Leiter des Kölner Rosenmontagszuges. Organisiert im zivilen Leben Bestattungszüge und sieht viele Gemeinsamkeiten: «Beides ist hochemotional und auf gute Planung angewiesen.»

Willy und Gerda Millowitsch
Bützje von Gerda für Willy Millowitsch, die Kölner Karnevalsgröße.
Foto: Uta Rademacher – DPA

Millowitsch, Willy: Kölner Volkstheater- und Karnevalsgröße. Feierte Erfolge mit Hits wie «Schnaps, das war sein letztes Wort». War privat alles andere als jeck, sondern ein chronisch schlecht gelaunter Patriarch.

Der «singende Dachdecker» Ernst Neger
Der Name war kein Witz, sonst aber fast alles: Ernst Neger vom Mainzer Carneval Verein (MCV).
Foto: Roland Witschel – DPA

Neger, Ernst: Größter aller Fastnachtsstars. Lebte von 1909 bis 1989 in Mainz. Bekannteste Lieder: «Heile, heile Gänsje», «Humba-Täterä» und «Rucki Zucki». Eine Theorie besagt, dass das «Heile heile Gänsje» den schuldbeladenen Deutschen der Nackkriegszeit unterschwellig die Vergebung ihrer Sünden suggerierte.

Heinz Schenk wurde mit dem «Blauen Bock» legendär
Heinz Schenk, legendär mit dem «Blauen Bock». Singen konnte er nicht, tat das aber zu Karneval immer.
Foto: Uwe Anspach – DPA

Schenk, Heinz: Legendärer Äbbelwoi-Wirt und TV-Babbler, Spitzname «Das Schlappmaul». Erreichte 20 Jahre lang mit dem «Blauen Bock» 20 Millionen Zuschauer. Höhepunkt des Jahres war die Karnevalsausgabe, in der Schenk selbstgestrickte Büttenverse zum Besten gab und ausgiebig sang, auch wenn er dies nachweislich nicht konnte. Lieferte in Hape Kerkelings Kinofilm «Kein Pardon» eine großartige Selbstparodie als Showmaster Heinz Wäscher ab.

Köln Rathaus
Der Turm des Kölner Rathauses. Von hier sorgte Bürgermeister Heinrich von Wittgenstein für eine Ordnung des karnevalstreibens.
Foto: Oliver Berg – DPA

Wittgenstein, Heinrich von: Steinreicher Kölner und stadtbekannter Großkotz, der 1823 den bis dahin vorherrschenden Anarcho-Karneval in geregelte Bahnen lenkte. Ihn und andere Honoratioren störte, dass sich das Volk an den tollen Tagen «in sinnloser, oft ekelhafter Vermummung» auf den Straßen herumtrieb und durch sein «wüstes Benehmen» die Gebildeten vergraulte. Er erfand deshalb den organisierten Karneval, der rasch auch von Mainz, Düsseldorf und allen anderen rheinischen Hochburgen kopiert wurde.