Archivierter Artikel vom 27.10.2010, 09:18 Uhr

Getrennte Eltern: Wenn Kinder trauern

Berlin (dpa/tmn). Ist die Ehe der Eltern kaputt, leiden auch die Kinder. Statt seine Traurigkeit mit sich selbst auszumachen, sollten Jugendliche lieber Hilfe suchen – bei Freunden oder Beratungsstellen. Auch Eltern gegenüber sollte man seine Gefühle nicht verschweigen.

Lesezeit: 4 Minuten
Kinder sollten ihre Trauer nicht verbergen
Wenn die Eltern sich scheiden lassen, ist das für viele Jugendliche eine schlimme Erfahrung. Denn oft müssen sie wählen, bei wem sie leben möchten. (Bild: Marks/dpa/tmn)

Für viele Jugendliche ist die Nachricht der absolute Horror: Die Eltern lassen sich scheiden. Warum passiert das ausgerechnet mir? Warum können wir nicht einfach wie andere Familien normal zusammenleben? Die meisten haben große Probleme, die Trennung der Eltern zu überstehen.

«Das ist oft eine ganz schlimme Erfahrung», bestätigt Maria El-Safti-Jütte vom Berliner Kinder- und Jugendtelefon. «Mit der Trennung der Eltern kommt eine ganz große Unsicherheit, denn das alte, vertraute Leben ist weg.» Viele Jugendliche fragten sich: Wo werde ich leben? Was wird sich alles verändern? Kann ich auf meiner alten Schule bleiben oder muss ich umziehen?

Beate Friese, Sprecherin des Beratungstelefons Nummer gegen Kummer in Wuppertal, weiß aber auch, dass für Jugendliche nicht immer eine Welt zerbricht: «Meist gab es lange vorher schon immer wieder Streit oder Zeiten, wo die Eltern nicht miteinander gesprochen haben. Dann kann es sogar eine Erleichterung sein, wenn das endlich vorbei ist.» Einfach sei eine Trennung zwar auch dann nicht, dennoch könne sie manchmal regelrecht befreiend wirken, da die belastende Situation zu Hause nun beendet sei und alle Familienmitglieder neu anfangen könnten.

Egal, wie es einem geht: Diese Gefühle sollte man auf alle Fälle zulassen, findet Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf aus Köln. «Wer traurig ist, sollte ruhig weinen, und wer wütend auf die Eltern ist, sollte sich das ebenfalls zugestehen – das ist völlig normal.» Eines sollte man aber auf keinen Fall tun: Die Schuld für die Trennung bei sich selbst suchen. «Man muss sich klar machen: Das ist eine Entscheidung der Erwachsenen, da habe ich als Kind keinen Einfluss darauf, auch keinen positiven.» Gedanken wie «Hätte ich dies oder das getan, hätte ich die Beziehung bestimmt kitten können» seien daher nicht hilfreich.

Mit der Trennung kommt aber oft auch die Frage: Bei wem soll ich wohnen? Bei Mama oder bei Papa? «Das ist eine sehr schwierige Entscheidung, weil man ja niemandem weh tun will», sagt Friese. Dennoch sollten sich Jugendliche ehrlich fragen: Was möchte ich?

«In so einer Situation ist es am besten, wenn man auf beide Eltern zugeht und ihnen versucht klarzumachen, was einem wichtig ist», rät Diplom-Pädagogin Friese. Dazu könne zum Bespiel auch gehören, dass man beiden erklärt, warum man zum jeweils anderen Elternteil gerne engen Kontakt hätte. In etwa so: «Ich verstehe, dass du dich mit Papa oft gestritten hast, aber ich hatte nicht so einen Streit mit ihm und mag ihn immer noch sehr, deswegen möchte ich ihn auch jetzt regelmäßig sehen.»

Überhaupt ist es gut, den Eltern seine Bedürfnisse mitzuteilen. «Bei einer Trennung sind die Eltern oft sehr mit sich selbst beschäftigt», sagt El-Safti-Jütte. «Da sollte man sich als Kind aber nicht zurückziehen, sondern den Eltern deutlich sagen: 'Mir geht es sehr schlecht damit. Ich leide darunter'.»

Außerdem könne man von den Eltern einfordern, endlich mit der Streiterei aufzuhören. «Man kann ihnen ruhig sagen: 'Streitet euch nicht ständig, wenn ich dabei bin, sondern reduziert das auf ein Minimum.'» Es sei wichtig, den Eltern klarzumachen, dass man sich nicht zwischen ihnen entscheiden will. «Es ist hilfreich, mit den Eltern einzeln zu sprechen, das ist oft viel sinnvoller. Dann kann man jedem in Ruhe sagen, wie es einem mit der Situation genau geht.»

Trotzdem: Die Trennung der Eltern kann lange Zeit ganz schön weh tun und kompliziert sein. Da ist es gut, sich Hilfe zu holen. Zum Beispiel von Geschwistern oder Freunden. «Bei Freunden sollte ich mir aber sicher sein, dass sie die Probleme nicht gleich weitererzählen und dass sie auch wirklich auf meine Sorgen eingehen können», sagt Friese. Manche Freunde seien mit so einer Situation nämlich überfordert.

«Deswegen rate ich: Sprecht mit den Freunden erst einmal über Dinge, bei denen es für euch nicht ganz so schlimm wäre, wenn sie rumerzählt werden.» Langsam rantasten könne helfen, eine weitere Enttäuschung zu vermeiden. Manchmal sei es auch gut, sich Hilfe von Fremden zu holen, wie zum Beispiel bei einem Beratungstelefon. «Da kann man seine Ängste und Sorgen jemandem erzählen, der nicht voreingenommen ist oder es anderen Leuten erzählt.»

Service:

Das bundesweite Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer ist montags bis samstags von 14.00 bis 20.00 Uhr anonym erreichbar unter 0800/111 03 33 und 116 111.

«Nummer gegen Kummer» im Internet

Für Trennung der Eltern nicht schämen

Die Trennung der Eltern muss niemandem unangenehm sein. Früher sei eine Scheidung deutlich seltener vorgekommen, da hätten es viele gerne verschwiegen, sagt Beate Friese vom Beratungstelefon Nummer gegen Kummer. «Noch heute denken einige Kinder 'Meine Familie hat versagt', aber das ist totaler Unsinn.» Eine Trennung sei kein Zeichen dafür, dass man aus einer schlechten Familie kommt.