Archivierter Artikel vom 01.03.2010, 09:26 Uhr
Moskau

Geschocktes Russland: Noch viel Arbeit in Sotschi

Dem «Versagen von Vancouver» sollen für die Sport-Großmacht Russland die «Siege von Sotschi» folgen: Nach den enttäuschendsten Olympischen Winterspielen seiner Geschichte in Kanada will das Riesenreich bei den Heim-Spielen 2014 in die Elite zurückkehren.

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Mindestens 11,4 Milliarden Euro lässt sich Russland seine erste olympische Veranstalterrolle seit den Sommerspielen 1980 in Moskau kosten, die wegen des Afghanistan-Kriegs vom Boykott vieler westlicher Staaten überschattet wurden. Gut 30 Jahre später trüben Medienberichte über Zwangsenteignungen und Naturzerstörung noch die Vorfreude auf die Wettkämpfe in dem Kurort am Schwarzen Meer.

«Sotschi, das sind auch meine Spiele», heißt es auf einer aktuellen Plakatkampagne, die das Porträtfoto eines «typischen Russen» zeigen soll und das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands landesweit kleben ließ. «Ungewollt» sind es auch die Spiele von Swetlana Drofitschewa. Sie betreibt in Sotschi eine kleine Pension, allerdings soll die Herberge für den Bau eines Olympiaparks abgerissen werden, berichten lokale Medien. Die 47-Jährige wehrt sich, doch Bürgerinitiativen sehen wenig Aussicht auf Erfolg. Drofitschewa ist kein Einzelfall: Etwa 1000 Familien verlieren nach Angaben von Vizeregierungschef Dmitri Kosak wegen der Winterspiele um den Schwarzmeerkurort ihr Zuhause und sollen «umgesiedelt» werden.

Weil fast alle Sportstätten samt Infrastruktur wie Bahnschienen und Straßen neu gebaut werden müssen, sind besonders viele Menschen von der Zwangsenteignung betroffen. Experten rechnen mit Gesamtkosten in mehrfacher Milliardenhöhe, damit Sotschi und die Umgebung olympiareif werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte Russland wiederholt zur Eile angetrieben, weil die Organisatoren mit dem Bau vieler Sportstätten im Verzug sind. Bei einem Besuch in Sotschi räumte Kremlchef Dmitri Medwedew jüngst Versäumnisse ein. Allerdings würden im laufenden Jahr etwa 30 000 Arbeiter in der Region weitere Pisten, Loipen und Straßen bauen, kündigte der Präsident an. Im September 2012 schließe man «alle Arbeiten ab».

Moskauer Medien warnen angesichts der «Bauwut» vor dem Beispiel Lillehammer. Seit den Winterspielen 1994 steht in der norwegischen Stadt ein 15 000-Zuschauer-Eisstadion meist leer. Das russische NOK will daher drei der geplanten sechs Arenen in Sotschi nach den Spielen ab- und in anderen Städten wieder aufbauen. «Damit vermeiden wir Bauruinen», sagt Sotschis Planungschef Dmitri Tschernitschenko. Er verspricht für 2014 «die kompaktesten Winterspiele aller Zeiten».

Umweltschützer fürchten dagegen nicht wiedergutzumachende Schäden in der Kaukasusregion. Erst vor kurzem kündigte die Organisation World Wide Fund for Nature (WWF) aus Protest ihre Zusammenarbeit mit der staatlichen Baufirma Olimpstroi. Die Umweltschützer beklagen, dass das Unternehmen die Vorschläge für die Einhaltung des Naturschutzes zum Beispiel im Kaukasischen Biosphärenreservat missachte. Zudem würden Kontrollen verhindert, sagt Russlands WWF- Chef Igor Tschestin. Für den Bau von Straßen und Bahntrassen seien bereits einzigartige Wälder zerstört worden. Auch die Umweltorganisation Greenpeace beklagte wiederholt die Eingriffe.

Kopfschmerzen bereitet der geschockten Sportnation Russland die Furcht vor einer Pleite in Sotschi. Die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten, Irina Rodina, beklagt, mit der Sowjetunion seien 1991 auch die gesamte Nachwuchsarbeit sowie der Respekt vieler Sportler vor dem fast militärischen Drill ihrer Trainer untergegangen. «Vier Jahre bis Sotschi sind zu wenig, um alle Fehler des Postkommunismus zu beseitigen», sagte die 60 Jahre alte mehrfache Olympiasiegerin im Interview. Einige Medien begründen den Leistungsknick mit einem angeblich schärferen Anti-Doping-Kurs.

Medwedew kündigte eine radikale Zäsur im russischen Leistungssport an, um die Athleten auf die nächsten Spiele besser vorzubereiten. Die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten, Irina Rodina, beklagt, mit der Sowjetunion seien 1991 auch die gesamte Nachwuchsarbeit sowie der Respekt vieler Sportler vor dem fast militärischen Drill ihrer Trainer untergegangen. «Vier Jahre bis Sotschi sind zu wenig, um alle Fehler des Postkommunismus zu beseitigen», sagte die 60 Jahre alte mehrfache Olympiasiegerin in einem Interview. Einige Medien begründen den Leistungsknick mit einem angeblich schärferen Anti-Doping-Kurs.

Bei den vergleichsweise jungen olympischen Sportarten wie Freestyle oder Shorttrack spielt das Riesenreich noch keine Rolle. Gleichzeitig ist aber auch von der einstigen russischen Dominanz in «klassischen» Wintersportarten wenig geblieben. Personelle Konsequenzen werden in Moskau nach der zweiten großen sportlichen Enttäuschung nach dem Scheitern der russischen Fußball- Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation nicht ausgeschlossen. Regierungschef Wladimir Putin drohte bereits mit einer «scharfen Analyse» der Spiele in Vancouver. «Wir müssen die Bedingungen für unseren Auftritt in Sotschi schaffen», erklärte Putin kämpferisch.