Archivierter Artikel vom 24.04.2013, 07:00 Uhr
Koblenz

Gedenken: Ausstellung im Justizzentrum

Im Koblenzer Justizzentrum erinnert eine Ausstellung daran, dass Hitlers menschenverachtender Willkürstaat vor 80 Jahren die ersten Rassegesetze erließ. Und: Die bislang der Gerechtigkeit verpflichteten Juristen setzten den NS-Terror gnadenlos um – ausnahmslos auch gegen plötzlich entrechtete Kollegen. Richter Joachim Hennig stellt beispielhafte Biografien verfolgter Koblenzer Juristen den Spitzen der Koblenzer Justiz sowie auch von Mainz und Trier angereisten Kollegen vor.

Der Koblenzer Richter Joachim Hennig hält das Grauen vor Augen.
Der Koblenzer Richter Joachim Hennig hält das Grauen vor Augen.

Zu ihnen gehörte auch der Erste Staatsanwalt Georg Krämer. Die Juristen, an der Spitze der Präsident des Verfassungsgerichtshofs, Lars Brocker, und Generalstaatsanwalt Erich Jung als Gastgeber, erreicht über den Buchautor Hubertus Hoffmann eine bewegende Nachricht von Krämers Enkelin Madeleine Kraemer Bryant, die sich für das Gedenken und die Verneigung vor den Opfern des NS-Regimes gerührt bedankt. „Missbrauch der Macht hat zum Genozid geführt.“

Um Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, dürfe man dies nie vergessen, schreibt sie. Sie hat erst spät erfahren, dass auch ihr Großvater Georg im Getto von Theresienstadt umkam. Ihr Vater fühlte sich als Christ und sprach in der neuen Heimat Amerika nicht über die Vergangenheit der eigenen Familie, aus der er politisch doch so viele Lehren zog. Die Ausstellung macht auch bewusst, dass – anders als Krämers Sohn Fritz – kaum einer der migrierten Koblenzer Juristen im Ausland wieder beruflich Fuß fassen konnte. Wie Hennig recherchierte, überlebten von den zwölf porträtierten Koblenzer Juristen nur vier den Völkermord – in ärmlichen Verhältnissen.

Georg Krämer wurde 1933 aus dem Dienst „weggeschickt“ und beurlaubt. „Er erlitt einen Nervenzusammenbruch“, wie Hennig sagt. Am 14. November 1935 kam für ihn endgültig das berufliche Ende: Das sogenannte Frontkämpferprivileg für Veteranen wurde abgeschafft. Im September 1938 waren nur noch zwei Anwälte als „Rechtskonsulenten“ in Koblenz zugelassen, die allein für Juden tätig werden durften. „Vor allem sollten sie die Arisierung des jüdischen Besitzes – sagen wir – juristisch begleiten.

Die Nazis brauchten sie gewissermaßen für eine geordnete Liquidation“, stellt Hennig fest. Der letzte Jurist war Isidor Treidel. Als aber nahezu alle Juden aus Koblenz deportiert oder vertrieben waren, wurde auch er mit seiner Frau 1943 erst nach Theresienstadt gebracht und im Oktober 1944 in Ausschwitz-Birkenau „in das Gas geschickt“. Von März 1942 waren Juden vom Güterbahnhof Lützel in Viehwaggons in Vernichtungslager deportiert worden – nach Sobibor oder Belzec.

„Das waren reine Vernichtungslager. Die Menschen wurden noch am selben Tag, an dem sie mit den Zügen dort ankamen, mit Giftgas ermordet“, erinnert Hennig. Zu den ersten Opfern gehörten auch Rechtsanwalt Arthur Salomon mit Frau Alma und Tochter Ruth. Am 27. Juli 1942 wurde „Oberstaatsanw. i.R“ Georg Krämer – so die NS-Karteikarte – „nach Theresienstadt evakuiert“. Er war 1941 für Wochen in „staatspolizeilicher Haft“, weil er „ohne Judenstern gesehen worden“ war. Im Mai 1942 hatte er seine Wohnung bei einer „arischen Familie“ aufgeben und ins „Judenhaus“ in der Hohenzollernstraße ziehen müssen.

Er starb im November in Theresienstadt. An seiner alten Adresse erinnert ein Stolperstein an ihn. Hennigs Vortrag und die Ausstellung machen die Besucher beklommen. „Mit Gesetzen lassen sich in einem Willkürstaat auch systematischer Völkermord und menschenverachtende Ideologie anordnen“, ruft man sich vor den Tafeln in Erinnerung. Auch nach Ausstellungsende wird im Justizzentrum stets an die jüdische Juristenfamilie Landau erinnert: Sie musste Mitte der 1930- er-Jahre ihr Haus weit unter Wert verkaufen – dort, wo heute der Verfassungsgerichtshof und Oberverwaltungsgericht seinen Sitz haben.

Von unserer Redakteurin Ursula Samary

Die Ausstellung im Foyer des Koblenzer Justizzentrums ist an Dienstzeiten noch bis zum 8. Mai zu sehen.