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    Berlin

    Geben und Nehmen: Der olympische Betrug

    Geht diesmal alles mit rechten Dingen zu? Die Vergabe Olympischer Spiele ist auch eine Geschichte von Betrug und Skandalen. Je begehrter sie wurden, umso höher wurden Einsatz und Versuchung - umso schwieriger ist aber das Unterscheiden von Unerlaubtem und Erlaubtem.

    «Herr der Spiele»
    Juan Antonio Samaranch war von 1980 bis 2001 IOC-Präsident.
    Foto: DPA

    Wie vergleichsweise einfach war es doch früher, Olympische Spiele zu bekommen. Am 25. April 1966 reichte dem deutschen Bewerber in Rom ein guter Draht von Willi Daume zum IOC-Präsidenten Avery Brundage, eine kleine Ausstellung im «Foro Italico» und Ansprachen des deutschen NOK-Präsidenten und des Oberbürgermeisters Hans Jochen Vogel von zusammen neun Minuten - und München hatte das Wahlfinale des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) um die Spiele 1972 mit 31:16 Stimmen gegen Madrid gewonnen. Gegen einen Konkurrenten, der seine Kandidatur erst vier Tage zuvor zu bestätigen vermochte.

    45 Jahre später, wenn München am 6. Juli in Durban seinen zweiten olympischen Anlauf vollenden will, ist vieles anders. Olympische Spiele sind begehrt wie nie. Sie dienen den Staaten zur Selbstdarstellung, Städte nutzen sie für riesige Investitionsprogramme, Fernsehen und Sponsoren machen aus ihnen ein globales Geschäft. Und das IOC erzielt Umsätze im Vier-Jahres-Rhythmus von mittlerweile mehr als sechs Milliarden Dollar (4,6 Milliarden Euro).

    Alle wollen Einfluss nehmen und irgendwie verdienen. Einen Ausdruck hat der Run auf die Spiele dadurch gefunden, dass seit 1986 bei letzten Präsentationen vor dem IOC nun regelmäßig auch Könige, Staatsoberhäupter und Regierungschefs aufmarschieren.

    Die Spiele 1984 mit dem alleinigen Bewerber Los Angeles bezeichnen einen Tiefpunkt, die Spiele 1992 eine Zäsur. 13 Städte bewarben sich 1986 um die Sommer- und Winterspiele, ein internes IOC-Papier summierte die gesamten Bewerbungskosten auf über 150 Millionen Dollar. Es siegte Barcelona mit Regierungschef Felipe Gonzales gegen Paris mit Jacques Chirac, und weil die Olympier den pompös aufgetretenen französischen Regierungschef nicht mit leeren Händen entlassen wollten, beschenkten sie ihn mit Albertville, den eigentlich ungeeignetsten Ort für Winterspiele 1992.

    Mitgesiegt hatte, wie schon bei der Präsidentenwahl 1980, Horst Dassler. Damals verhalf der Adidas-Chef dem Spanier Juan Antonio Samaranch zur Präsidentschaft. Nun wirkte er mit am Sieg der Heimatstadt des Katalanen. Der zeigte sich seinerseits erkenntlich und übertrug Dasslers Agentur ISL die Vermarktung olympischer Sponsorenrechte. Über den «heimlichen Herrscher des Weltsports» schrieben spanische Medien damals, er habe im IOC Einfluss auf bis zu 30 Stimmen.

    Dassler hat dazu der Nachrichtenagentur dpa einmal gesagt: «Es kann mir als Unternehmer nicht gleichgültig sein, wo unsere Produkte ausgestellt werden und unter welchen Umständen.» Dieses Credo gilt seitdem - mehr oder weniger - für alle Olympia-Sponsoren.

    Die Einsätze stiegen, die Bewerberstädte lockten und die Regierungen boten mit. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen berichtete 1993 nach der desaströsen Niederlage seiner Stadt um die Spiele 2000: «Wenn wir in Afrika bei einem NOK mit einem Medizinkoffer ankamen, hatten die Chinesen die Sporthalle schon gebaut.» Peking machte das Rennen dennoch nicht, sondern Sydney. Dort stellte ein interner Report später fest: «Geschenke an IOC-Mitglieder und andere Besucher im Wert von etwa 500 000 Dollar.»

    Doch noch beschwichtigte Samaranch mit der Formel: «Ich lege meine Hand für jedes einzelne IOC-Mitglied ins Feuer.» Dabei war ihm sicher nicht entgangen, dass der Besuchstourismus seiner Kollegen in die Bewerberstädte Rekordausmaße angenommen hatte. Atlanta, erfolgreicher Bewerber um die Spiele 1996, vermeldete allein 78 Visiten. Nicht eingerechnet, wie bei anderen Städten auch, waren Mehrfachbesuche.

    Als üblich galten das Mitnehmen von Familienangehörigen, die Ausstattung mit großartigen Geschenken und Flugtickets rund um die Welt. Beliebt war auch das Vermitteln von Jobs und Stipendien an Söhne und Töchter von IOC-lern. Als ein Verbandsvertreter öffentlich behauptete, eine Stimme für die 96-er-Spiele habe 200 00 Dollar gekostet, entgegnete der damalige IOC-Generaldirektor Francois Carrard: «Wir sind kein CIA oder FBI.»

    Nur drei Jahre später musste das IOC eingreifen. Das Geschwür war geplatzt. Im Zuge des Bestechungsskandals um den erfolgreichen Olympia-Bewerber Salt Lake City verloren zehn IOC-Mitglieder ihr Amt, zehn weitere erhielten Verwarnungen, der Besuch von Kandidatenstädten wurde verboten, der Wert von Geschenken auf 200 Dollar begrenzt. Doch was hat sich wirklich verändert seit dieser Zeit?

    Der Einfluss der Politik ist noch größer geworden. Ohne den Einsatz der chinesischen Staatsmacht keine Sommerspiele 2008 in Peking, ohne die inzwischen abgetretenen Regierungschefs Tony Blair und Lula da Silva keine Sommerspiele in London (2012) und Rio de Janeiro (2016), ohne Wladimir Putin keine Winterspiele in Sotschi (2014). Mit seiner aufsehenerregenden Siegesserie beim Erwerb von großen Sportereignissen, zu der auch die Fußball-WM 2018 zählt, hat Russlands starker Mann Spekulationen ausgelöst.

    Assistiert wird die Politik von Kräften aus der Wirtschaft, wie am Beispiel von Münchens Konkurrent Pyeongchang besonders deutlich wird. Dessen besonderer Helfer ist der Multi Samsung, als Hauptsponsor mit einer Vierjahreszahlung von rund 100 Millionen Dollar dem IOC verpflichtet, aber inzwischen auch als Vertragspartner allen 205 Nationalen Olympischen Komitees zu Diensten.

    Zusammen mit anderen koreanischen Großunternehmen hat Samsung ein Netzwerk über den gesamten olympischen Sport gelegt, auch bei zahlreichen internationalen Sportverbänden helfend, fördernd, unterstützend zur Stelle. Besonders dort, wo auch ein IOC-Mitglied in Verantwortung ist. Illegalität und Legalität sind kaum noch unterscheidbar. Wenn es Korruption, Betrug oder auch nur Vorteilsgabe und Vorteilsnahme gibt, so sind sie viel schwerer erkennbar geworden.

    Fast so wie nach Münchens erstem Olympiasieg 1966. Daume nämlich zeigte sich für die freundschaftlichen Dienste des IOC-Präsidenten Brundage, der den Anstoß für Münchens Kandidatur gegeben hatte, auf sehr spezielle Weise erkenntlich. Er ermunterte ihn, seine letzten Jahre in Deutschland zu verbringen. Und es schien auch kein reiner Zufall zu sein, dass Brundage der Prinzessin Marianne zu Köstritz begegnete, was 1973 in eine Ehe des 85-Jährigen mit der 36-Jährigen mündete - zwei Jahre, bevor der Amerikaner in Garmisch-Partenkirchen starb.

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