Archivierter Artikel vom 10.11.2011, 12:05 Uhr

Fußball-Referees klagen über Nachwuchsprobleme

Frankfurt/Main (dpa). Als hätte die Schiedsrichter-Gilde nicht genug Probleme: Nach dem Verdacht auf Steuerhinterziehung und dem Dauerkonflikt zwischen Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Ex-Funktionär Manfred Amerell klagen die Verbände auch über fehlenden Nachwuchs bei den Unparteiischen.

Lesezeit: 2 Minuten
Sorgen
Schiedsrichter Lutz Wagner hat zu wenig Kollegen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.
Foto: Marcus Brandt – DPA

«Gerade Schiedsrichter im Alter von 20 bis 40 Jahren fehlen», sagte DFB-Lehrwart Lutz Wagner der Nachrichtenagentur dpa. Viele Vereine setzen jetzt verstärkt auf Schüler – aber die bleiben oft nicht lange am Ball, auch weil es immer wieder zu Übergriffen kommt.

Die absoluten Zahlen täuschen über das Problem hinweg: Deutschlandweit gab es im Januar 2011 nach einer DFB-Statistik rund 78 000 Referees – etwa so viele wie im Vorjahr. Diese zeige aber nicht die Entwicklung, dass die Schiedsrichter immer jünger werden, erklärte Wagner. Die Vereine müssen – je nach Mitgliederzahlen – ein bestimmtes Soll an Referees stellen. Sonst drohen Geldstrafen und gar Punktabzüge.

Besonders mit Hilfe von ganz jungem Nachwuchs wird nun oft die Pflicht erfüllt. Schüler ließen sich mit der Aussicht auf Aufwandsentschädigungen von bis zu 20 Euro anwerben, so Wagner. «Viele Vereine sind in erster Linie daran interessiert, die Schiedsrichter zu stellen, damit sie keine Strafe zahlen müssen.»

Die Sanktionen sind in den einzelnen Landesverbänden unterschiedlich geregelt. Beim Hessischen Fußball-Verband (HFV) fallen zum Beispiel abhängig von der Spielklasse für jeden fehlenden Spielleiter im Jahr zwischen 80 und 500 Euro an. Bei Wiederholungstätern verdoppelt sich die Strafe. HFV-Schiedsrichter- Obmann Gerd Schugard beobachtet daher den gleichen Trend: «Der Altersschnitt insgesamt sinkt.»

Der Fokus auf Talente scheint allerdings nicht besonders nachhaltig zu sein. Der württembergische Schiedsrichter-Chef Rolf Baumann erklärte: «Viele Jugendliche kommen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, lassen sich ausbilden und hören nach ein, zwei Jahren wieder auf.» Gründe gebe es viele. Manch einer stelle fest, dass er nicht für den Job geeignet sei oder keine Zeit mehr habe.

«Schiedsrichter haben eben auch Pflichten, die nicht ohne sind: Sie müssen mindestens 15 Spiele pro Saison pfeifen und dazu regelmäßig Schulungsabende besuchen», sagte der südbadische Obmann Manfred Schätzle. Auch andere Verbände denken über die Gründe für das sinkende Interesse nach. Der Bayerische Fußball-Verband hat dazu sogar eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben.

Gewalt und Pöbeleien seien vermehrt ein Thema, meinte der Schiedsrichter-Obmann des Fußballverbands Rheinland, Erich Schneider. «Der Respekt vor der Leistung des Schiedsrichters geht immer mehr zurück.» Wegen mehrerer Angriffe auf Referees hatten Schiedsrichter in Berlin an einem Wochenende etliche Partien für jeweils fünf Minuten unterbrochen. «Früher haben sie mir Luft aus den Reifen gelassen, heute werden Schiedsrichter zusammengeschlagen», sagte der niedersächsische Schiedsrichter-Obmann Wolfgang Mierswa. Das sei aber sehr selten.

Die Zahl der Übergriffe seien demnach zwar nicht mehr geworden, fielen dafür aber heftiger aus, besonders in den Jugendklassen. Dort bereiten nicht die Spieler Schwierigkeiten, sondern besonders deren Eltern, sagte der Schiedsrichter-Obmann des Südwestdeutschen Fußballverbands, Erhard Blaesy. «Die sind der Problempunkt Nummer eins. Es kommt sogar zu Angriffen.» Dann hören die jungen Referees oft quasi mit dem Schlusspfiff auf.

DFB zu Schiedsrichter-Nachwuchs

DFB-Schiedsrichterstatistik 2010