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Berlin

Fußball gegen Politik: 1:0 im Spiel um Sympathie

dpa

Im Umgang mit Rückschlägen sind Politiker Profis. Entweder gehen sie erst einmal auf Tauchstation, oder sie richten den Blick nach vorn wie Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP).

Seine Analyse des verlorenen WM-Halbfinales am Tag danach: Erstens kann man nicht immer Nummer 1 sein, zweitens kann das Land stolz auf seine «Botschafter» sein, und drittens sind die jungen Fußball- Nationalspieler großartig. Damit dürfte er den meisten Bürgern aus dem Herzen gesprochen haben.

Seit der Weltmeisterschaft im eigenen Land vor vier Jahren fiebern nicht nur treue Fußballfans mit der deutschen Mannschaft. Auch jene, die sich für den Sport weniger interessieren und auch nicht unbedingt viel Ahnung davon haben, lassen sich mitreißen. Was Jahrzehnte als politisch nicht korrekt galt, wird für die Zeit der WM nun mit der Selbstverständlichkeit anderer Nationen praktiziert: Die Menschen schwenken die Nationalfahne und bemalen sich schwarz-rot-gold.

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour hat im Gegensatz zu manch einem Fraktionskollegen keine Angst vor einem wiedererstarkendem Nationalismus. Wer sich davor fürchte, solle sich unter den gar nicht so deutsch klingenden Leistungsträgern der Nationalmannschaft umsehen: Mesut Özil, Jerome Boateng, Sami Khedira. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) spricht von einem «fröhlichen Patriotismus – unaufgesetzt, unverkrampft». Davon profitiere das ganze Land.

Die Fußballmannschaft hat also wohl etwas geschafft, was der Politik weitgehend nicht gelang. Die Politiker selbst sind begeistert von Team und Trainer. Wie Joachim Löw die Mannschaft zusammenschweißt und die unterschiedlichen Spieler zusammenhalten, ist auch für die über Monate tief zerstrittene schwarz-gelbe Koalition ein Vorbild. So sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU): «Natürlich haben wir alle gezittert und gebebt und gehofft (...). Die Mannschaft zeigt bei allen Spielen – egal wie sie ausgehen – was ein Mannschaftsspiel ausmacht (...) – eine Mannschaft, in der niemand ausschert.»

So sieht es auch CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich: «Die WM hat gezeigt, wie Optimismus und Freude am gemeinsamen Gelingen Zusammenhalt schafft.» Sein Trost für die mit 0:1 gegen Spanien unterlegene Mannschaft: «Im Sport wie in der Politik gilt: Man muss auch Niederlagen hinnehmen können und daran wachsen.» Kanzlerin Angela Merkel (CDU) soll die Mannschaft telefonisch aufgemuntert haben. Anders als nach den WM-Siegen gegen England und Argentinien reagierte sie auf die Niederlage gegen Spanien erst einmal nicht offiziell.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) lässt sich die Glücksmomente während dieser WM in Südafrika nicht nehmen: «Die Siege gegen England und Argentinien werden für immer in Erinnerung bleiben.» Und sportlich fair: «Gestern war Spanien einfach stärker.»

Selbst Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken, die mit Nationalstolz so ihre Probleme haben, sagt: «Das Sommermärchen von 2006 hat sich wiederholt. Die Welt hat ein erfrischendes, mutiges, spielintelligentes, multikulturelles Fußball-Deutschland gesehen.» Ein Gutes habe die Niederlage gegen Spanien: «Die Kanzlerin kann sich und die unsozialen Pläne ihrer Regierung nun nicht mehr hinter der Euphorie ums Löw-Team verstecken.» Merkel sollte statt bei Deutsche- Bank-Chef Josef Ackermann lieber bei Löw um Rat anfragen. «Löw hat binnen sechs Wochen aus zum Teil verunsicherten Spielern ein erfolgreiches Team geformt.» Merkel sei das in neun Monaten nicht gelungen.

Auch Grünen-Chef Cem Özdemir meint: «Löws Fußballmannschaft führt vor, was der Regierung abgeht: Orientierung, Führung, Teamgeist, Bescheidenheit, Freude, Dynamik und Verantwortung.»

Von den Grünen bis zum Bundespräsidenten Christian Wulff glauben viele Politiker nun an eine Chance auf den Weltmeistertitel 2014. Am Samstag will Wulff die Mannschaft beim Spiel um Platz 3 persönlich im Stadion in Südafrika anfeuern. Im Finale will SPD-Chef Sigmar Gabriel zu Spanien halten: «Eigentlich müssten jetzt die Spanier gewinnen, wenn sie schon gegen uns gewonnen haben.»

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