Archivierter Artikel vom 18.03.2011, 13:06 Uhr

Führungsriege der Wettmafia vor Gericht

Bochum (dpa). Sie jonglierten mit Millionen, bestachen Spieler und Schiedsrichter in halb Europa. Vom 21. März an steht in Bochum die Führungsriege der Fußball-Wettmafia vor Gericht. Mittendrin: Ante Sapina, Deutschlands wohl bekanntester Wettbetrüger.

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Der 35-jährige Berliner hat schon im Vorfeld des Prozesses eine Art Lebensbeichte abgelegt. Insgesamt geht es um 47 mutmaßlich manipulierte Spiele – bis hoch zu Champions-League und WM-Qualifikation. Vier der insgesamt sechs Angeklagten sitzen seit knapp 16 Monaten in Untersuchungshaft. Die Europäische Fußball-Union UEFA und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) werden den Prozess beobachten lassen.

Die 12. Strafkammer des Bochumer Landgerichts muss sich mit Mannschaften aus 18 Ländern befassen. Besonderes Augenmerk wird dabei wohl dem WM-Qualifikationsspiel zwischen Liechtenstein und Finnland vom 9. September 2009 gelten. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatten die deutschen Wettpaten den Schiedsrichter der Partie mit 30 000 Euro bestochen. Als Gegenleistung sollten in der zweiten Halbzeit zwei Tore fallen. Das Spiel war damals 1:1 ausgegangen, beide Treffer fielen in den zweiten 45 Minuten. Die Wetteinsätze sollen sich auf 365 000 Euro belaufen haben. Angeblicher Gewinn: 220 000 Euro.

Kurios soll dagegen der Bestechungsversuch bei der Champions-League-Begegnung zwischen der ungarischen Mannschaft VSC Debrecen und dem AC Florenz vom 20. Oktober 2009 verlaufen sein. Aus der Anklage geht hervor, dass der Torwart der ungarischen Mannschaft 100 000 Euro Schmiergeld erhalten sollte. Als die Wettbetrüger die Summe in Wien an einen Vertrauten des Torwarts übergeben wollten, stellte sich jedoch heraus, dass der Keeper offenbar schon von anderer Stelle Geld erhalten hatte. Debrecen verlor die Partie am Ende mit 3:4.

Neben Ante Sapina müssen sich Automatenaufsteller Marijo C., Ex-Basketballprofi Ivan P., Bordellbetreiber Deniz C., Wettbürobetreiber Dragan M. und der mutmaßliche Helfer Ramazan K. vor der 12. Strafkammer des Bochumer Landgerichts verantworten. Ante Sapina war bereits in den Wettskandal um DFB-Schiedsrichter Robert Hoyzer verwickelt und deshalb 2005 zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden.

Von den angeklagten 47 Partien werden 17 bereits in einem andern Prozess vor dem Bochumer Landgericht verhandelt. Für die 30 neuen Spiele sollen die Wettbetrüger 550 000 Euro Schmiergeld an Spieler und Schiedsrichter gezahlt haben. Der Wetteinsatz betrug laut Staatsanwaltschaft 3,5 Millionen Euro, die Gewinne sollen sich auf insgesamt 2,8 Millionen Euro belaufen haben. Um Wetten in Asien platzieren zu können, sollen Sapina & Co. intensiv mit einem Londoner Buchmacher und Wettvermittler zusammengearbeitet haben. Über ihr dortiges Konto wurde zwischen Ende 2008 und Ende 2009 angeblich ein Umsatz von 32 Millionen Euro abgewickelt.

Erstmals werden vor dem Bochumer Landgericht auch Spiele aus Österreich verhandelt. Allein bei der Partie zwischen Red Bull Juniors Salzburg und TSV Hartberg Österreich sollen die Wettbetrüger mit knapp 200 000 Euro Einsatz über 650 000 Euro Gewinn gemacht haben.

Während der neue Wettskandal-Prozess beginnt, neigt sich der alte dem Ende entgegen. Im Verfahren gegen Nürettin G., Tuna A., Stevan R. und Ex-Fußballprofi Kristian S., das schon Anfang Oktober 2010 vor dem Bochumer Landgericht begonnen hat, sollen voraussichtlich vor Ostern die ersten Urteile gesprochen werden. Für den Auftakt des neuen Prozesses haben sich fast 30 Journalisten angemeldet.