Archivierter Artikel vom 10.06.2010, 19:12 Uhr

Formel 1: Red-Bull-Duo uneinsichtig

Montréal (dpa). Vettel gegen Webber, Button gegen Hamilton, Alonso gegen Massa, Schumacher gegen Rosberg: Selten hat die Formel 1 so viele brisante Teamduelle erlebt wie in diesem Jahr.

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Unschuldig
Sebastian Vettel vom Team Red Bull will nicht mehr über den Crash sprechen.

Deeskalation oder neue Konfrontation – in den vier führenden Teams von Red Bull, McLaren, Ferrari und Mercedes herrscht vor dem Großen Preis von Kanada ein angespannte Atmosphäre.

Vor allem bei den «Roten Bullen» besteht vor dem Rennen auf der Ile Notre Dame in Montréal ein besonderes Reizklima. Auch zwei Wochen nach dem Crash in Istanbul sind Sebastian Vettel und Mark Webber noch immer unterschiedlicher Ansicht über den Unfallhergang. Daran hat auch der initiierte Friedensschluss in der vergangenen Woche nichts geändert.

«Jeder hat seine Meinung», sagte der Australier Webber in Montréal. Sein deutscher Teamkollege wehrte ebenfalls alle Fragen nach einer Entschuldigung ab. «Was passiert ist, was schlecht für uns beide, besonders für das Team», sagte der 22-Jährige und wollte viel lieber nach vorn schauen: «In der Formel 1 geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft.»

Doch einen erneuten Crash mit dem eigenen Teamkollegen wollten weder er noch Webber ausschließen. «Jede Situation ist anders. Die Fans wollen, dass wir gegeneinander fahren. Man kann keine Regeln aufstellen», sagte Webber.

Die PS-Protagonisten aus den anderen Teams sprachen in Montréal viel von Vernunft. «Wenn man seinen Teamkollegen überholt, sollte das risikolos sein», sagte Mercedes-Pilot Nico Rosberg. Türkei-Sieger Lewis Hamilton meinte: «Man muss das Risiko ausbalancieren.»

Bei aller Vernunft: Die Wahrheit liegt auf dem Asphalt. Wer um die WM-Krone mitfahren will, muss zunächst einmal den Teamkontrahenten besiegen. «Teamkollegen können keine Freunde sein» – Niki Laudas Worte von einst gelten heute mehr denn je.

Schon lange gab es nicht mehr so viele Titelkandidaten aus so vielen Teams wie in dieser Saison. «Das ist ein harter Kampf. Die Dinge können sich ganz schnell ändern», glaubt auch Vettel.

Vor dem achten von 19 Saisonrennen führt Webber das Klassement mit 93 Punkten an. Ihm folgt das McLaren-Duo Jenson Button (88) und Hamilton (84). Vierter ist Fernando Alonso (79) vor Vettel (78), Robert Kubica im Renault (67) und Felipe Massa (67) im zweiten Ferrari. Selbst Mercedes-Paarung Nico Rosberg (66) als Achter und Michael Schumacher (34) als Neunter sind noch nicht abgeschrieben.

Längst wird darüber spekuliert, ob die Teams den ein oder anderen Fahrer bevorzugen. Bei Red Bull wird gemutmaßt, dass der junge Vettel besser ins Marketingkonzept des Energydrink-Herstellers und Team- Namensgebers passt als der elf Jahre ältere Webber. Der Australier hält sich aber bisher nicht an das Saison-Drehbuch: Statt Vettels Schattenmann zu sein, führt er die WM an. Und Vettel weiß schon jetzt: Auch 2011 wird Webber ihm einheizen.

Bei Red Bulls derzeit schärfstem Konkurrenten McLaren brennt ebenfalls die Lunte. Die beiden Profiteure der Kollision von Vettel und Webber in der Türkei hätten sich beinahe ebenfalls von der Piste gerammt: Lewis Hamilton war alles andere als «amused», dass ihm sein britischer Landsmann Button mit einem Angriff beinahe noch den Sieg vermasselt hätte. Mit der Anweisung, Benzin zu sparen und Reifen zu schonen, pfiff Teamchef Martin Whitmarsh den Weltmeister zurück.

Verschwörungstheorien haben derzeit Hochkonjunktur bei Mercedes GP. Angeblich werde der 41-jährige Schumacher seinem 17 Jahre jüngeren Teamkollegen Rosberg bevorteilt. Sein enges Verhältnis zu Teamchef Ross Brawn, mit dem Schumacher alle seine sieben WM-Titel gewann, zahle sich aus. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug wehrt alle Spekulationen ab und betont, dass bei Mercedes alle Fahrer gleich behandelt werden.

Schumachers Ex-Team Ferrari setzt vor allem auf den Spanier Alonso. Doch Massa gibt sich längst nicht geschlagen. Anders als der zweimalige Weltmeister hat der Brasilianer in allen Rennen Punkte geholt. Seine Konstanz brachte ihm immerhin schon einmal einen Vertrag bis 2012 ein.