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    Fluch des Fortschritts: Ständig erreichbar sein

    Berlin/Cottbus (dpa/tmn) – Bei vielen Berufstätigen piept es auch am Feierabend und am Wochenende. Ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt – ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal.

    Handy, Laptop und PDA machen es möglich: Mitarbeiter sind jederzeit und überall greifbar. So kann der Kunde aus Übersee auch spätabends noch Bestellungen absprechen oder der Chef am Wochenende die neue Präsentation per E-Mail abfragen. Das Diensthandy wird dadurch für manchen regelrecht zur elektronischen Fußfessel. Um den Feierabend zu retten, hilft daher nur eins: Öfters mal abschalten.

    «Die technischen Systeme verführen dazu, alles ungeplant zu machen, gerade weil jeder sofort zu erreichen ist», sagt der Arbeits- und Ingenieurpsychologe Hartmut Wandke von der Freien Universität Berlin. «Dadurch kann viel zusätzlicher Stress entstehen.» Planungen und Strukturen bringen Ruhe in unseren Arbeitsalltag. Fehlen sie, steigt der Stresspegel. Auf Dauer kann das krank machen. So kann der technische Fortschritt zum Fluch werden.

    Ähnlich sieht das die Arbeitswissenschaftlerin Annette Hoppe von der Technischen Universität in Cottbus: «Wir benutzen die technischen Hilfsmittel nicht, um uns Freiräume zu schaffen, sondern packen uns die gewonnene Zeit wieder mit neuer Arbeit voll.» Denn das schicke Diensthandy und der Laptop vom Arbeitgeber sind natürlich nicht fürs eigene Vergnügen gedacht. Sie sollen es dem Mitarbeiter ja gerade ermöglichen, nach Dienstende weiterzuarbeiten.

    Und selbst wenn das Diensthandy nicht klingelt, lässt es einem keine Ruhe. Denn eine Rufbereitschaft ist eben keine Freizeit. Wer ständig erreichbar sein muss, fährt nur in den Stand-by-Modus, statt abzuschalten. Der klassische Feierabend fällt damit weg.

    Hinzu kommt, dass Mitarbeiter nach Dienstschluss bei Problemen mit der Technik auf sich gestellt sind. Wie sehr das nerven kann, haben Hoppe und ihr Team in einem Versuch nachgewiesen. Hatten die Testpersonen bei der Arbeit am PC technische Fehler, reagierte ein Großteil nachweislich genervt. Rund 17 Prozent sagten allerdings, sie hätten keinen Stress erlebt – obwohl die Messungen andere Werte zeigten. Technik stresst also, auch wenn man es nicht immer merkt.

    Hoppe und ihr Team trainieren Firmen und Mitarbeiter im Umgang mit Technik. Ihr Motto: «So viel wie nötig, nicht so viel wie möglich.» Vor dem Einkauf und Einsatz neuer Technik sollte sich jeder fragen: Welche Technik brauche ich? Wie lange und wozu? «Wir müssen wieder lernen, Technik als unseren Dienstleister zu verstehen und zu nutzen», sagt Hoppe. Das heißt: Das Handy auch mal ausschalten.

    Aber darf man das als Arbeitnehmer? Oder muss man stets erreichbar sein, wenn der Chef das will? «Im Urlaub ist die Antwort ganz klar: Nein, ich muss nicht erreichbar sein», erklärt der Arbeitsrechtler Martin Hensche aus Berlin. «Wer trotzdem Handy und Laptop mitnimmt, zeigt nicht genug Zähne.» Es sei zwar mitunter schwer, dem Chef Grenzen aufzuzeigen – vor allem, wenn dieser selbst stets erreichbar ist. Dennoch rät Hensche, sich dieser «modernen Form der Sklaverei» zu entziehen und die Arbeit nicht mit in den Urlaub zu nehmen.

    Anders verhält es sich am Feierabend oder am Wochenende. «Wenn ich da in Rufbereitschaft, also erreichbar sein soll, dann ist das okay», erläutert Hensche. Er rät, Telefonate und andere geschäftliche Arbeiten nach Dienstende fein säuberlich zu dokumentieren – und als Überstunden geltend zu machen. Oft werden diese pauschal vergütet, manche Arbeitgeber wehren sich aber auch gegen eine Bezahlung von Überstunden. «Wenn man sich aber nicht beizeiten gegen übermäßige Arbeit wehrt, ist es im Nachhinein schwierig, die Überstunden geltend zu machen.» Arbeitnehmer sollten daher frühzeitig mit dem Arbeitgeber darüber reden und ihm die Auflistung der Überstunden vorlegen.

    Wer dauerhaft mehr arbeitet, als im Arbeitsvertrag festgelegt, sollte nachverhandeln, rät der Arbeitsrechtler. Sinnvoll sei auch, im Voraus Bescheid zu geben, dass man an einem Abend oder Wochenende nicht zu erreichen ist. Denn dann kann der Mitarbeiter das Handy auch getrost abschalten, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Viel hängt deshalb von der Planung ab. Und die Praxis zeigt: Einige geschäftliche Telefonate oder E-Mails am Abend wären auch am nächsten Tag noch möglich gewesen oder hätten bei einer besseren Organisation während der Dienstzeiten erledigt werden können.

    Annette Hoppe und Hartmut Wandke plädieren deshalb dafür, die technischen Geräte wieder so einzusetzen, dass sie einen unterstützen – und nicht geißeln. «Die Technik kann mir auch vieles erleichtern», sagt Wandke. So lohne es sich etwa, im Büro oder Team einen gemeinsamen öffentlichen Kalender in einem Programm wie Outlook einzurichten. In den können Mitarbeiter für alle sichtbar eintragen, zu welchen Zeiten sie erreichbar sind – und wann eben nicht.

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