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    Koblenz

    FKK-Klub neben Flüchtlingsheim: Wo Gewohnheiten mit Herausforderungen kollidieren

    100 Theaterminuten über unser Grundgesetz. Genauer: Acht Szenen von acht Jungautoren befassen sich mit den Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung grundgesetzlicher Maximen in der deutschen Lebenspraxis auftauchen. Das Gemeinschaftsprojekt des Koblenzer Theaters mit dem Studiengang für Szenisches Schreiben der Universität der Künste Berlin heißt schlicht „Das Grundgesetz”. Der Untertitel indes spricht von „Szenen einer vorläufigen Verfassung”. Was, nach Ansehen der Koblenzer Uraufführung jetzt, weniger auf den staatsrechtlichen Vorläufigkeitsstatus des Grundgesetzes verweist, sondern mehr die Gefährdung der Grundwerte durch jüngste Entwicklungen vor Augen hat.

    In der Provinz soll eine Flüchtlingsunterkunft neben dem FKK-Klub entstehen: Wer sieht welche Rechte gefährdet? David Prosenc und Eric Wehlan in „Das Grundgesetz“ am Theater Koblenz.  Foto: Matthias Baus
    In der Provinz soll eine Flüchtlingsunterkunft neben dem FKK-Klub entstehen: Wer sieht welche Rechte gefährdet? David Prosenc und Eric Wehlan in „Das Grundgesetz“ am Theater Koblenz.
    Foto: Matthias Baus

    Der Raum, den Intendant Markus Dietze auf der Bühne hinter dem Eisernen Vorhang für seine Inszenierung hat einrichten lassen, versammelt Requisiten einer altbackenen Einrichtung: Da stehen eine Hirschstatue, Gartenzwerge, Plüschsesselchen, Omas Beistellkomode samt Kleiderschrank, Teppichläufer mit Orientmuster. Die jüngsten Teile sind ein Tastentelefon am Kabel auf grauem Amtsschreibtisch, ein Ikea-Regal mit Leitzordnern darin und Röhrenfernseher darauf.

    Die zu einer vagen Handlung gereihten Szenen spielen 2015/16. Das Bühnenbild behauptet jedoch eine geistig-kulturelle Identität des betroffenen Provinzstädtchens, die quasi noch tief im betulichen Selbstverständnis der Bonner Republik steckt. So treffen denn in den 100 Minuten lange eingeübte „freiheitliche” Traditionen auf Herausforderungen von heute. In diesem Fall: Das Städtchen soll 40 Geflüchtete unterbringen – in einem ausrangierten Hotel gleich neben dem Gelände des FKK-Vereins.

    Auftritt Bürgermeister (David Prosenc) – der so nicht genannt werden will, weil er primär „ein Mensch” sei und sich um anständige Unterbringung der Neuankömmlinge bemühe. Seine kiebige Sekretärin (Raphaela Crossey) sieht allerdings bloß, dass er sich hinter Akten wegduckt. Auftritt alter Arbeiter (Reinhard Riecke) – der sich über lachhafte Modernetrends bei seinen Landsleuten echauffiert. Auftritt pensionierter Lehrer (Eric Wehlan) – der dabei ist, besagtes Hotel in ein Kulturzentrum zu verwandeln. Da erreicht und erzürnt ihn die Kunde, das hehre Projekt entfalle, weil das Haus Flüchtlingsunterkunft werde.

    Auftritt FKK-Verein: In schrill-bunte Nackedeikostüme gesteckt, planen die vorgeblich liberalen zwei Weiblein und zwei Männlein zuerst ein Empfangsfest für die Geflüchteten. Rasch jedoch verstricken sie sich in Streitereien untereinander – bis am Ende der kleinste gemeinsame Nenner lautet: Wir werden wegen Empfindlichkeiten der Fremden unser Recht auf Nacktheit keinesfalls aufgeben. Diesen und anderen teils satirisch-humorigen, teils demonstrativ bitteren Szenen werden jeweils Grundgesetzparagrafen vorangestellt. Unantastbarkeit der menschlichen Würde, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Kunst- und Meinungsfreiheit, das Recht zur Vereinsbildung und so weiter müssen sich dem Realitätstest unterziehen.

    Das sich dabei Szene um Szene fortentwickelnde Bild vom Bürger ist bald ernüchternd. Nicht, dass hier böse Menschen vorgeführt würden, die sich mutwillig über das Grundgesetz erheben. Von einer giftigen Satire-Passage mit Frauke Petry (Selin Dörtkardes) abgesehen, treten überwiegend Leute auf, die eigentlich guten Willens waren, sich aber zusehends zwischen langjährigen Gewohnheiten und neuen Herausforderungen verheddern.

    Dann geht der Geist des Bühnenbildes mit ihnen durch – es bricht selbstbezügliche, zur Inhumanität neigende Kleinbürgerlichkeit hervor. Dieser fällt übrigens die heimische Jugend zuerst zum Opfer, wie Lisa Heinrici und Christof Maria Kaiser in der erschütternden Schlussszene zeigen.

    „Das Grundgesetz” ist ein interessantes, Nachdenken und Diskussionen anregendes Projekt. Um als Theatererlebnis richtig zu zünden, muss es indes noch reifen. Es gibt manche Länge in dieser Montage und manche Plakativität, die textlich wie inszenatorisch weiterer Feinarbeit bedürfte. Gleichwohl: Anschauen und erörtern lohnt sich.

    Tickets/Termine unter Tel. 0261/129 28 40

    Von unserem Autor Andreas Pecht

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