Archivierter Artikel vom 13.04.2011, 12:06 Uhr
Frankfurt/Main

FIFA-Paragraf: Integration mit Füßen getreten

Das Fähnlein der Integration halten Fußball-Funktionäre immer gern hoch. Dabei dürfen viele hundert, möglicherweise tausend ausländische Jugendliche gar nicht in deutschen Vereinen spielen. Schuld ist ein FIFA-Paragraf, der dem Deutschen Fußball-Bund Ärger bereitet.

Lesezeit: 2 Minuten

Nun hoffen die Verantwortlichen nicht nur im Nachwuchsbereich, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger in seinem neuen Amt in der Exekutive des Weltverbands daran etwas ändern kann.

Ilan Levy aus Kolumbien lebt als Austauschschüler für ein Jahr in Karlsruhe und besucht ein Sportgymnasium. Seit Monaten bereits trainiert der Torwart beim SVK Beiertheim, seit vielen Wochen bemüht sich sein B-Jugend-Trainer um eine Spielerlaubnis für den 16-Jährigen – vergeblich. Eduardo Elias da Silva aus Brasilien wohnt in Ergenzingen und kickt im Schwarzwald beim VfL Nagold – nicht aber bei Punktspielen. Seine seit 20 Jahren in Deutschland lebende Tante kämpft dafür, dass der 17-Jährige doch einen Spielerpass bekommt und schrieb an den DFB: «Bei der Weltmeisterschaft 2006 hieß ihr Slogan doch: Zu Gast bei Freunden. Deshalb kann ich nicht verstehen, dass Sie meinem Neffen, der hier Gast ist, um in einer deutschen Schule Deutsch zu lernen, die Ausübung seines liebsten Hobbys verwehren.»

Die – manchmal schlecht informierten – Vereine und Landesverbände hätten in beiden Fällen – den jungen Fußballern gleich sagen können: alles sinnlos. Denn die FIFA hat in ihrem Reglement zu «Internationalen Transfers Minderjähriger» unter Artikel 19 festgelegt, dass Ausländer unter 18 Jahre nur in drei Ausnahmefällen eine Spielerlaubnis für ihr Gastland bekommen: Wenn die Eltern ebenfalls in dem Land wohnen, die Jugendlichen höchstens 50 Kilometer von der Grenze entfernt leben oder der Wechsel innerhalb der Europäischen Union (EU) stattfindet und das Alter des Spielers zwischen 16 und 18 Jahren liegt.

Die FIFA will damit den «Menschenhandel» mit minderjährigen Talenten verhindern: Vor allem dass Spieler aus ärmeren Ländern angeworben – und möglicherweise schnell wieder fallengelassen werden. «Im Grunde geht es in der Regel darum, dass junge Talente nicht gleich in die Geldmaschinerie des Profifußballs geraten. Aber – nicht nur – in unserem Land ist diese Regel nicht sinnvoll: Wir wollen ja, dass ausländische Jugendliche unsere breite Vereinslandschaft nutzen und sich integrieren können», sagte Zwanziger der Nachrichtenagentur dpa.

Der DFB-Präsident will sich nun in den FIFA-Gremien dafür einsetzen: «Wir brauchen die rechtliche Unterstützung der FIFA, um etwas zu ändern.» Man könne die Vorschriften nicht einfach umgehen, weil man sich damit der Wettbewerbsverzerrung schuldig machen könne.

Für Ronny Zimmermann, Präsident des Badischen Fußballverbandes und Anwalt, ist die FIFA-Regel «eine ganz schwierige Kiste. Ich befürworte stark, dass wir dieses Fenster öffnen.» DFB-Direktor Helmut Sandrock hatte im vergangenen Jahr beim Weltverband – zusammen mit anderen nationalen Verbänden – schon eine Ausnahmeregelung für etwa 7000 Fälle in Deutschland im Jahr erreicht: Denn zuvor konnte selbst die «in Kreuzberg geborene Türkin» ihre Spielerlaubnis nur in einem umständlichen Verfahren bekommen.

Von den immer noch geltenden Einschränkungen sind vor allem Austauschschüler und Au-Pair-Mädchen und -Jungen betroffen, aber zum Beispiel auch Minderjährige aus Kriegsgebieten, die ohne ihre Eltern hier leben. Die Regel verhindert auch, dass zum Beispiel Jugendliche aus Nordkorea, mit dessen Verband der DFB kürzlich einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hat, in deutschen Clubs auf Torejagd gehen dürfen.