Archivierter Artikel vom 14.09.2010, 13:42 Uhr
Berlin

Ex-Funktionär bekennt: Staatsdoping im DDR-Sport

Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung hat Thomas Köhler als erster Top-Sportfunktionär das Staatsdoping im DDR-Sport zugegeben und selbst Doping von 16-Jährigen eingestanden.

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Thomas Köhler das Buch «Zwei Seiten der Medaille» geschrieben.

In seinem Buch «Zwei Seiten der Medaille» (Verlag Das Neue Berlin), das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt und am Donnerstag im Handel erscheint, bricht der frühere zweite Mann des DDR-Sports sein Schweigen und unterstellt auch Topathleten auf insgesamt 232 Seiten eine Mitwisserschaft. «Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht», schreibt Köhler. Bei ehemaligen DDR-Athleten löste die Veröffentlichung unterschiedliche Reaktionen aus.

Ines Geipel, die ehemalige Sprinterin und selbst Dopingopfer, schimpfte: «Das Buch enthält absolut nichts Neues, ist aber komplett verantwortungslos. Vor allem ist es eine Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport. Wo war Thomas Köhler denn in den 20 Jahren der Aufarbeitung? Es deckelt die Rolle, die er selbst im DDR-Sport innehatte.» Jetzt werde versucht, «die Geschichte zu drehen und die Geschädigten immer wieder neu zu diskreditieren.» Für Ex-Radsportler Uwe Trömer ist Köhler nicht weit genug gegangen: «Herr Köhler gibt einiges zu, er gibt aber nicht genug zu. Ich hätte den Hut vor ihm gezogen, wenn er all die Scheiße, die da gelaufen ist, benannt hätte.»

Beifall kam von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. «Die Aussagen von Thomas Köhler bringen mehr Klarheit in die Aufarbeitung der Dopinggeschichte. Der DOSB hat bekanntlich die wissenschaftliche Aufarbeitung des Doping in Deutschland – und zwar ausdrücklich in Ost und in West – in Auftrag geben lassen. Weitere Aussagen wie die von Herrn Köhler könnten diese Aufarbeitung fördern.»

Weil Anfang der 70er Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, «entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten», schreibt Rodel-Olympiasieger Köhler, zudem ehemaliger Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB). «Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten.»

Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine «sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel» entschieden. Laut Köhler waren 1989 in den DDR-Sportclubs 90 Fachärzte tätig. Dazu kamen Verbandsärzte in sämtlichen Sportarten, Mediziner an den Sportschulen und Forschungsärzte in Leipzig und Kreischa. Köhler: «Die Vergabe von Medikamenten erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht... Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorkamen, passierten in der DDR nicht», behauptet Köhler, obwohl er bei den DDR-Doping-Prozessen zwischen 1998 und 2000 von zahlreichen geschädigten Sportlern längst widerlegt wurde.

Der Sportfunktionär räumt auch ein, dass Minderjährige gedopt wurden. «Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr beteiligt wurden, geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades.» Dies sei vor allem im Schwimmen passiert. «Kinder- Doping war in der DDR offiziell verboten. 16-Jährige sind keine Kinder, sondern Jugendliche», erklärte er der Nachrichtenagentur dpa. Inzwischen habe sich gezeigt, dass es Verstöße gegen diese Festlegungen gab. «Informationen, die darauf hindeuten, dass Anabolika an Spartakiadesportler vergeben wurden, überraschten mich. Über derartige Verletzungen unserer Nachwuchskonzepte hatte ich keine Kenntnisse und hätte diese auch nicht geduldet», schreibt Köhler.

Der Stellvertreter von Sport-Diktator Manfred Ewald verschont auch seinen ehemaligen Chef und die Aktiven nicht. «Die Verantwortung war so verteilt, dass bis auf den Präsidenten des DTSB jeder nur so viel wusste, wie für seinen Bereich erforderlich war.» Ihm fehle zudem jedes Verständnis, wenn Sportler heute alle Schuld den Ärzten, Trainern und Funktionären zuschieben. «Es stimmt nicht, dass Sportler, die es ablehnten, unerlaubte Mittel zu nehmen, ihre Kaderzugehörigkeit verloren hätten.» Als Beispiele nannte Köhler die Rodlerinnen Ute Rührold, Margit Schumann und Eva-Maria Wernicke, die aus Angst um ihre Figur Doping immer ablehnten – und trotzdem bei Olympia und WM Medaillen gewannen.

Köhler gibt – offensichtlich mit Blick auf die DDR-Dopingopfer – aber auch zu: «Aus heutiger Sicht haben wir Verantwortlichen des DDR- Leistungssports in der Dopingproblematik eine Reihe möglicher Konsequenzen nicht genügend beachtet, und nicht alle damaligen Entscheidungen können unter Berücksichtigung dieser Umstände gerechtfertigt werden. Auch haben wir damit verbundene Risiken offensichtlich unterschätzt. Wie zum Beispiel die unkontrollierte Anwendung durch Sportler, die nicht zum Kaderkreis gehörten, oder die Einnahme überhöhter Dosierungen zum einseitigen Vorteil.»

Der heute 70-jährige Pensionär empört sich, dass Erfolge des DDR- Sports ausschließlich auf «flächendeckendes Doping» zurückzuführen seien. Der zweimalige Olympiasieger, der seit Jahren in Berlin lebt, wendet sich auch dagegen, dass nur der Osten Deutschlands des Dopings beschuldigt wird. «Flächendeckend kann man ohne Zweifel bezeichnen, was an Dopingmaßnahmen von der Uni Freiburg ausging.»

Über Gehälter und Prämien schreibt Köhler, dass Trainer mit Hochschulabschluss 900 DDR-Mark im Monat erhielten, die mit Fachschulabschluss 800, jene ohne Abschluss 700. Dazu kamen Erfolgsprämien bis 1200 DDR-Mark. Lediglich die Chemnitzerin Jutta Müller, Trainerin von Olympiasiegerin Katarina Witt und der überaus erfolgreiche Rudertrainer Theo Körner erhielten höhere Bezüge. Die Sportler-Prämien betrugen bei einem WM-Sieg 15 000 DDR-Mark und bei Olympia-Gold 25 000 Mark.

Köhler enthüllt zudem: «Zu unseren gepflegtesten Geheimnissen gehörte die Zahlung von Valutaprämien.» Nur für die ersten drei Plätze bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen standen Devisen zur Verfügung. Für einen Weltmeistertitel erhielt der Sportler «Forumschecks» im Werte von 3000 D-Mark. 1988 gab es für einen Olympiasieger sogar 6000 D-Mark in Form der begehrten Gutscheine, mit denen im «Intershop» Westwaren eingekauft werden konnten.