Es gibt viele Strategien zur Gefahrenabwehr – Ratgeber: Sicher Radfahren

Von Mario Hommen, SP-X

Zehntausende Fahrradunfälle gibt es jedes Jahr in Deutschland – und ihre Zahl steigt. Oft tragen dafür andere Verkehrsteilnehmer die Schuld. Doch Radfahrer können einiges tun, um die Risiken zu mindern.

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SP-X/Köln. Mit dem anhaltenden Fahrrad- und Pedelec-Boom in Deutschland steigt auch die Zahl der Unfälle mit Radfahrern. Natürlich muss die Infrastruktur verbessert werden. Aber Radfahrer haben es ein Stück weit selbst in der Hand, ihr Unfallrisiko zu minimieren. Wer die folgenden Tipps beherzigt, kommt mit Sicherheit sicherer durch den Fahrradalltag.

Großes Gefahrenpotenzial geht für Radfahrer von den motorisierten Verkehrsteilnehmern aus. Vor allem dort, wo sich im Straßenverkehr die Wege beider kreuzen. Nicht selten nehmen Autofahrer Radfahrern aus Unachtsamkeit, Unwissenheit oder Bequemlichkeit die Vorfahrt – mit oft unangenehmen Folgen. Als potenzielles und verletzliches Opfer ohne Knautschzone, Sicherheitsgurt und Airbag muss man daher immer mit dem Fehlverhalten von Autofahrern rechnen. Für Radfahrer gilt es daher in besonderem Maße, einen routinierten Blick für die anderen Verkehrsteilnehmer zu entwickeln und das von ihnen ausgehende Gefahrenpotenzial stets in die Fahrstrategie einzubeziehen. Auch wenn man den Schwung verliert, kann es ratsam sein, die Geschwindigkeit zu reduzieren, die Bremsbereitschaft zu erhöhen und gleichzeitig den Blickkontakt zu den Lenkern anderer Fahrzeuge zu suchen, um sich zu vergewissern, dass man von ihnen (rechtzeitig) wahrgenommen wird. Besonders gefährlich sind abbiegende Lkw, die Radfahrer im toten Winkel oft gar nicht wahrnehmen können. Als Radfahrer sollte man daher gerade in solchen Momenten besser nicht auf sein Vorfahrtsrecht bestehen.

Wichtig ist auch eine für andere vorhersehbare und eindeutige Fahrweise. Statt unauffällig am Rand zu fahren, sollte man selbstbewusst den für die eigene Sicherheit notwendigen Verkehrsraum einfordern. Die kurze Faustregel des ADFC lautet sinngemäß: „Nach außen selbstbewusst, nach innen defensiv fahren“. Ob im Recht oder nicht: Pedalritter sind immer gut beraten, für die Autofahrer mitzudenken.

Radfahrer sind aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Jedes Jahr ereignen sich mehrere zehntausend Fahrradunfälle mit Personenschaden, die auf Fehlverhalten der Radfahrer zurückzuführen sind. Laut Statistischem Bundesamt ist die häufigste Unfallursache von Radfahrern „falsche Straßenbenutzung“, gefolgt von „nicht angepasster Geschwindigkeit“, „Fehlern beim Abbiegen“, „Missachtung der Vorfahrt“ und „Alkoholeinfluss“. Klar ist: Regelkonformes und korrektes Verhalten muss auch von Radfahrern eingefordert werden.

Auch zu hohes oder nicht angepasstes Tempo kann gefährlich sein. Biker sind auch potenzielle Raser. Hobby-Armstrong- oder Liegerad-Piloten rasen gerne mal mit 40 Sachen dicht an Fußgängern vorbei. Auch wenn es auf Radwegen kein Tempolimit gibt, kann schnelles Fahren dort gefährlich sein. Das gilt vor allem auf Wegen, die von Fußgängern und Radfahrern gemeinsam genutzt werden, denn hier können unachtsame Kinder oder Hunde plötzlich im Weg stehen. Radfahrer sollten sich daher stets rücksichtsvoll und angemessen verhalten. Das gilt erst recht für S-Pedelec-Fahrer, die gelegentlich mit annähernd 50 km/h über die für sie eigentlich gesperrten Rad- und Fußwege brettern. Bremswege können bei diesem Tempo verdammt lang werden. Häufiger sind Pedelec-Nutzer auch mit getunten Antrieben deutlich schneller als 25 km/h unterwegs. Viele andere Verkehrsteilnehmer rechnen nicht mit so hohen Geschwindigkeiten, wenn sie Räder mit Tretunterstützung sehen. Dies gilt auch für regelkonform genutzte Pedelecs. Wenn diese z.B. von Senioren gefahren werden, stellen sich Autofahrer auf einen langsamen und nicht auf einen schnellen Radfahrer ein.

Die eigene Sicherheit hängt auch vom Zustand und der Ausstattung des Fahrrads ab. Schon beim Kauf sollte man ein geeignetes Fahrrad auswählen und ergonomisch richtig einstellen. Wichtig ist auch, dass es funktionstüchtig ist. Wer sich nicht selbst darum kümmern kann, sollte regelmäßig einen Werkstatt-Check durchführen lassen. Das Fahrrad sollte auch über eine gute Sicherheitsausstattung verfügen. Eine Lichtanlage mit hochwertigen LED-Leuchten, Markenreifen, Bremsen, die in jeder Situation gut greifen, eine komplette Reflektorenausstattung und ein Helm sind eine solide Basis für einen sicheren Fahrradalltag. Wer sich ein neues Pedelec zulegen möchte, kann bei einigen Herstellern inzwischen sogar ein ABS bekommen, was die Sicherheit noch einmal deutlich erhöht.

Apropos Sicherheitsausstattung: Zubehörhersteller bieten einige Lösungen an, mit denen sich das Sicherheitspotenzial weiter optimieren lässt. Dazu gehören zusätzliche Leuchten für Kleidung und Helm, reflektierende Kleidung oder eine verbesserte Lichttechnik. Für bessere Sicht sorgen beispielsweise Scheinwerfer mit Kurvenlichtfunktion. Demnächst zugelassene Blinker helfen, anderen Verkehrsteilnehmern den Abbiegewunsch zu signalisieren. Bremslichtfunktionen oder Heckradare verringern das Gefahrenpotenzial durch Auffahrunfälle.

Wichtig ist auch die Beherrschung des Fahrrads in brenzligen Situationen. Vorausschauendes Fahren, Auffrischung der Verkehrsregeln und Fahrtricks werden in professionellen Trainings vermittelt. Diese werden von den Berufsgenossenschaften für Betriebe sogar kostenlos angeboten. Speziell für Pedelec-Nutzer werden Fahrtrainings angeboten, in denen auf die besonderen Gefahren der elektrischen Unterstützung hingewiesen wird.

Schließlich sorgt auch die Wahl der Radstrecke für mehr Sicherheit. Auf häufig befahrenen Strecken wie dem täglichen Weg zur Arbeit sollten sich Radfahrer über besonders gefährliche Stellen informieren. Der Unfallatlas des Statistischen Bundesamtes auf der Internetseite https://unfallatlas.statistikportal.de gibt hier Auskunft geben. Wer seine Strecke kennt, vergleicht sie mit dem Kartenmaterial der Internetseite und lokalisiert so die Unfallschwerpunkte. Zeigen sich Unfallhäufungsstellen, ist es sinnvoll, eine alternative Route zu wählen. Bietet sich keine an, schärft der Blick in den Unfallatlas auf jeden Fall das Bewusstsein für besondere Gefahrenstellen. Viele Radfahrerinnen und Radfahrer sind mit Smartphone-Navigationssystemen unterwegs. Damit lassen sich zum Beispiel besonders fahrradfreundliche Routen wählen, auf denen das Konfrontationspotenzial mit dem motorisierten Verkehr reduziert ist.

Mario Hommen/SP-X