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    Berlin

    «Erzähl' doch mal»: Biografisches Arbeiten weckt alte Erinnerungen

    Bedeutende Personen legen Wert darauf - bedeutend sein muss man für eine eigene Biografie aber nicht. Und wem Schreiben nicht zusagt, kann seine Geschichte auch aufnehmen. Aus dem eigenen Leben wird so ein Hörerlebnis für die Familie.

    Biografisches Arbeiten weckt Erinnerungen
    Oft braucht es nicht mehr als ein Mikrofon, ein paar alte Fotos und ein bisschen Zeit: Nehmen Senioren ihre eigene Biografie auf, wirkt das auf viele wie eine Verjüngungskur.
    Foto: Mascha Brichta - DPA

    Es muss nicht die Geschichte vom großen Erfolg sein. Oder vom spektakulären Misserfolg. Meist sind es Geschichten aus dem Alltag eines Menschen, die dessen Biografie zu etwas Besonderem machen. Und die beim Erzählen darüber viele Gefühle freisetzen. «Anekdoten sind das Schönste», sagt Christof Hilthof, Medienpädagoge aus Baden-Baden. Deshalb nimmt er diese Anekdoten auf und macht aus ihnen ganz persönliche Hörbiografien.

    «Das Erzählen ist auch viel Identitätsarbeit», sagt Sabine Sautter vom Verein LebensMutig. Er widmet sich der Biografiearbeit, also der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. «Wenn ich erzähle, verstehe ich oft viel mehr, weil ich es heute anders beurteile.» Dieses Neubewerten und Neuordnen von Erinnerungen sieht auch Cornelia Kricheldorff, Professorin für Soziale Gerontologie, als eine der wichtigsten Funktionen in der biografischen Arbeit an.

    Die Unternehmerin Brigitte Becker aus Köln hat ihre Biografie mit professioneller Hilfe aufgenommen. «Ich habe sehr viel über mich gelernt», stimmt sie den Einschätzungen von Sautter und Kricheldorff zu. Die Hörbiografie schenkte Becker ihrer Tochter zum 30. Geburtstag. «Ich habe Dinge erzählt, die eine 30-jährige Frau wissen muss, von ihrer Geburt, bis sie ihren Mann gefunden hat.»

    Aufschreiben wollte Becker ihre Geschichten nicht. «Schreiben ist bei mir so pragmatisch, beim Erzählen kommen mehr Emotionen rüber.» Außerdem war es ihr wichtig, die Erinnerung an ihre Stimme zu bewahren. Für Radiojournalistin Maicke Mackerodt, die Brigitte Becker bei der Aufnahme half, transportiert die Stimme wesentlich mehr, als es ein geschriebener Text könnte. «Die Stimme ist der Spiegel der Seele», sagt sie. Intonation, Lachen, Bewegung - all das gehe im Text verloren.

    Durch das Zuhören und Nachfragen beim biografischen Arbeiten komme vieles zum Vorschein, was sonst im Verborgenen bleibe - für Angehörige wie für die Person selbst, sagt Sautter. «Jeder hat einige Standarderzählungen über sich», erläutert sie. «Das, was links und rechts davon liegt, hat man gar nicht mehr so präsent.» Bis schließlich jemand danach fragt.

    Auch das spätere Anhören der Aufnahmen habe das Potenzial, den Verstand wachzuhalten: Dadurch werden weitere, tiefere Erinnerungen aktiviert, sagt Kricheldorff. Wenn die Kinder mithören, entstehe eine Verbundenheit, die im Gespräch so nicht entstanden wäre, findet Mackerodt. «Meine Tochter war ganz gerührt», erzählt Brigitte Becker.

    Manchmal kann zu der Erfahrung der Verbundenheit auch beitragen, wenn die Kinder bei der Aufnahme dabei sind - oder die Biografie allein mit ihren Eltern aufnehmen, ohne professionelle Hilfe. «Die Technik ist kein Riesenproblem mehr», sagt Hilthof. Mittlerweile gibt es auch Bücher mit Anleitungen für die biografische Arbeit.

    Das Einbinden der Angehörigen hat noch einen anderen Hintergrund: Denn schließlich geht es vielen Senioren gerade darum, der Familie etwas hinterlassen zu können und sie an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen. «Für die Enkel ist es sehr aufschlussreich» sagt Walter Wittkämper, Sozialarbeiter in dem CBT-Wohnhaus Margaretenhöhe in Bergisch-Gladbach. «Die Geschichte meiner Großmutter betrifft mich auch, dadurch bekommt meine eigene Identität mehr Tiefe.» Wittkämper regt in seinem Wohnheim deshalb Angehörige an, Biografien festzuhalten - auch auf Tonband.

    Kricheldorff glaubt, dass es heutzutage ein stärkeres Bedürfnis gebe, sich durch biografische Methoden mitzuteilen - sei es über die Niederschrift oder das Hörbuch. «Es gibt die Sehnsucht von Menschen, sich mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen», sagt Kricheldorff. «Im Alltag ist das Erzählen nicht mehr so stark verankert.» Deshalb habe lebensgeschichtliches Erzählen Konjunktur.

    Literatur:

    Sabine Sautter (Hrsg.): Leben erinnern - Biografiearbeit mit Älteren, Ag Spak, 160 S., 13 Euro, ISBN-13: 978-3930830497

    Mit Kinderbildern das Gedächtnis trainieren

    Für Konzentrations- und Gedächtnisübungen sollten sich Senioren täglich etwa zehn Minuten Zeit nehmen. Für das Training lässt sich zum Beispiel ein Foto aus der Kindheit oder Jugend benutzen. Ältere sollten dann versuchen, das Bild aufmerksam zu betrachten und so viele Erinnerungen wie möglich zusammenzutragen. Unter Umständen gelingt es ihnen sogar, sich noch an Gefühle zu erinnern, die die Situation ausgelöst hat. Darauf weist das Center für Neuropsychologische Diagnostik und Intervention (Cendi) an der Universität Vechta hin.

    Alternativ könnten sich Senioren vorstellen, dass sie einen Jugendfreund von früher treffen. Um ihm einen kurzen Überblick über den bisherigen Lebensweg zu geben, sollten sie ihre Ideen aufschreiben. In weiteren Übungen können sie sich vorstellen, den Freund öfter zu treffen und ihm von einzelnen Ereignissen genauer zu berichten.

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